Die Farbe Chrome

4. September 2008, 09:01
3 Postings

Alles im Leben kommt zurück - Eric Schmidt weiß das am besten - er verlor mit dem Netscape Navigator und kommt nun mit dem Chrome wieder

Es kommt eben alles im Leben zurück. Zirka 1997 entkam Netscape-Chef Eric Schmidt nur knapp dem unternehmerischen Tod.

Der dominante Browser

Bis dahin war Netscapes Navigator der dominante Browser (das Programm zur Nutzung des Internets) am Markt, Netscape eine der ersten erfolgreichen Dotcom-Companies. Nur kam dann Microsoft und entwickelte einen konkurrierenden Browser, Internet Explorer. Das wäre im besten Interesse der User gewesen. Aber gestützt von fetten Monopolgewinnen ("De-facto-Monopol", stellt später das Kartellgericht fest) warf es seinen Explorer gratis in die Schlacht gegen den Navigator, der sich sein Geld durch Verkäufe verdienen musste. Der Rest ist Geschichte, Netscape quasi tot (es wurde von AOL gekauft, aus dem Navigator wurde der erfolgreiche Open-Source-Firefox), der Explorer beherrscht die Welt, und Eric Schmidt fand einen neuen Job.

Minimalistisches Google-Design

Bei Google, und da fängt die Geschichte wieder von vorne an. Denn am Dienstag brachte Google einen Browser heraus, Google Chrome. Auch Chrome begann, wie fast alles dieser Tage, sein Web-2.0-Dasein als "Beta", braucht also noch etwas Zeit zu reifen. Dafür ist Chrome aber bereits erstaunlich brauchbar, schnell und - zumindest in der kurzen Zeit, die zum Ausprobieren zur Verfügung stand - stabil. Chrome folgt dem minimalistischen Google-Design: Menüs und Status-Anzeige fehlen, und die Adresszeile ist zugleich eine Suchzeile, mit der man durch "Shortcuts" auch gezielt auf bestimmten Webseiten, z. B. Amazon oder eBay, suchen kann. Es gibt Neuerungen wie "Inkognito surfen", was auch andere Browser können, aber nicht ganz so einfach (man kann in einem Tab inkognito bleiben, in einem anderen mit Cookies arbeiten). Öffnet man ein neues Fenster oder Tab, werden neun Miniaturen der meistbesuchten Webseiten angezeigt - da unter alten Hits mit einiger Wahrscheinlichkeit auch das nächste Ziel ist. Andererseits fehlen Features wie mehrere Adressen in mehreren Tabs auf einmal öffnen oder eine komplette Webseite (und nicht nur die Adresse) als Mail verschicken - ein exzellentes Feature von Apples Browser Safari.

Plattform für Programme

Vor allem will Chrome nicht nur Informationen gut darstellen, sondern auch eine Plattform für Online-Programme sein, wie Mail oder Google Docs, das Online-Konkurrenzprodukt zu Microsoft Office. Darum kann man von jeder Seite eine Verknüpfung für den Desktop erstellen. Auch das ist nicht wirklich neu, aber Google serviert es mit einem Spin: So öffnet man z. B. durch Doppelklick auf das blaue G-Symbol (Google Docs) das Online-Office direkt und in einem Fenster, das vom üblichen Browser-Schnickschnack befreit ist. Plötzlich sieht eine Online-Anwendung für den Benutzer wirklich so aus wie seine gewohnten Desktop-Programme. In diesem Schritt, zu dessen Perfektion Google wohl noch ein, zwei Jahre brauchen wird, liegt wohl Eric Schmidts eigentliche Rache: Microsoft Gleiches mit Gleichem zu vergelten, das Microsoft-Desktop-Monopol mit Gratisprogrammen aus der Internetwolke zu knacken. Das Geniale an diesem Schachzug: Es kommt nicht darauf an, dass Chrome eine ähnliche Dominanz erreicht, wie Microsofts Explorer zu seinen besten Zeiten (über 90 Prozent). Denn auch andere Browser werden diese Features bieten müssen - und damit wird selbst der Microsoft-Explorer über kurz oder lang Googles Geschäft betreiben.(Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe vom 4.9.2008)

Share if you care.