"Stahlmagnolie" trifft "verrückten Hund"

5. September 2008, 20:19
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US-Außenministerin Rice misst ihrem Libyen-Besuch historische Bedeutung zu - Erster ranghoher US-Besuch seit über 50 Jahren

Lissabon/Tripolis - Als erste US-Außenministerin seit 55 Jahren ist Condoleezza Rice am Freitag zu einem Besuch in Libyen eingetroffen. Die Reise beweise, dass es für die USA keine ewigen Feindschaften gebe, sagte Rice bei ihrer Ankunft. "Ehrlich gesagt habe ich nie gedacht, dass ich Libyen besuchen würde", ergänzte sie. Ihr Besuch sei dabei "nicht das Ende der Geschichte, sondern der Anfang".

Rice landete nach libyschen Angaben am Abend auf dem Flughafen Mitiga östlich der Hauptstadt Tripolis und wurde von einer Delegation des Außenministeriums begrüßt. Dass der Empfang für die Ministerin am Flughafen im Vergleich zu Besuchen in anderen arabischen Staaten eher bescheiden ausfiel, führten Beobachter auf das immer noch nicht ganz spannungsfreie Verhältnis zwischen beiden Staaten zurück.

Historische Bedeutung

US-Außenministerin Condoleezza Rice hat ihrem Besuch in Libyen eine historische Bedeutung beigemessen. Es habe viel Leid gegeben, das Libyen der Welt zugefügt habe, aber auch die historische Entscheidung von Staatschef Muammar al-Gaddafi, seine Massenvernichtungswaffen aufzugeben, sagte Rice am Freitag vor Journalisten in Lissabon, wo sie vor ihrem Flug nach Tripolis Station machte. Es ist der erste Besuch eines ranghohen US-Politikers in Libyen seit mehr als 50 Jahren.

"Libyen ist ein Land, das sich wandelt, und ich möchte vor Ort erörtern, wie sich dieser Wandel vollzieht" , erklärte Rice. Sie wollte noch am Freitag mit Gaddafi zusammentreffen, den der frühere US-Präsident Ronald Reagan einmal als den "verrückten Hund des Nahen Ostens" bezeichnete.

Geheimes Programm

Um mögliche Terroranschläge während des ersten Treffens zwischen Rice und Gaddafi zu verhindern, wurde das genaue Besuchsprogramm bis zuletzt geheim gehalten. Die arabische Zeitung Al-Sharq al-Awsat berichtete am Freitag, um die Sicherheit während des für Freitag geplanten Besuches zu gewährleisten, habe man bewusst versucht, Verwirrung zu stiften. Erst hatte es geheißen, Rice werde möglicherweise schon am Donnerstagabend ankommen. Dann war unklar, ob Gaddafi sie in der Hauptstadt Tripolis oder in der Stadt Benghazi (Bengasi) empfangen würde. Aus Kreisen der libyschen Führung hieß es am Freitag, Rice werde auch das Haus besichtigen, in dem 1986 eine Adoptivtochter Gaddafis durch einen US-Bombenangriff gestorben war.

Libyen hat sich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in jüngster Zeit mehrfach auf die Seite der USA gestellt, etwa mit Bezug auf das iranische Atomprogramm oder die Krise in der sudanesischen Krisenregion Darfur.

Viele ungeklärte Fragen

Andererseits gibt es noch viele ungeklärte Fragen, die das bilaterale Verhältnis belasten. Dabei geht es vor allem um Entschädigungszahlungen an die Opfer von Lockerbie. Über dieser schottischen Stadt explodierte Ende 1988 eine amerikanische Passagiermaschine, an deren Bord eine Bombe deponiert war - offenbar von libyschen Geheimdienstagenten.

Der Besuch wird als wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Normalisierung der Beziehungen gewertet. Die diplomatischen Beziehungen hatten die beiden Staaten im Juni 2004 wieder aufgenommen. 2006 haben die USA Libyen von der Liste der Staaten gestrichen, die den Terrorismus unterstützen.

Das letzte Mal hat ein US-Außenminister 1953 Libyen besucht, nämlich John Foster Dulles. Der letzte ranghohe US-Politiker als Gast in Tripolis überhaupt war 1957 der damalige Vizepräsident Richard Nixon. (AFP, Reuters,red/ DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 9. 2008)

Link
The New York Times: Libya: Rice Plans Rare Visit

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    Ein Stopp in Lissabon, dann ein historischer Weiterflug nach Tripolis: US-Außenministerin Rice will in Libyen über Wandel reden.

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