Schweigen im Fall Amstetten

3. September 2008, 21:27
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Neuer Haftrichter - Staatsanwalt prüft Mordanklage - Im Keller geborenes Baby soll überlebensfähig gewesen sein

 Linz – "Zum Inhalt des Gutachtens gibt es keine Stellungnahme", stellt Gerhard Sedlacek, Sprecher der Staatsanwaltschaft St. Pölten , klar. Doch auch, wenn die Anklagebehörde im Fall Amstetten im Endspurt der Ermittlungen gegen Josef F. plötzlich mauert, sind brisante Details aus dem, am vergangenen Montag fertiggewordenen, Gutachten eines Neonatologen bereits durchgesickert. Von dieser Expertise wird es abhängen, ob die Anklage gegen Josef F. auf "Mord durch Unterlassung" ausgedehnt wird.

Baby verbrannt

Konkret geht es um jenes Baby von Elisabeth F., – gezeugt vom eigenen Vater – das drei Tage nach der Geburt im Kellerverlies verstarb und dessen Leichnam Josef F. im Kamin verbrannt haben soll. Laut dem nun vorliegenden Gutachten sei das Neugeborene "überlebensfähig" gewesen. Das Kind sei schwer krank zur Welt gekommen, die Symptome seines Leidens seien auch für einen Laien "deutlich erkennbar" und als lebensgefährlich einschätzbar gewesen. Was in weitere Folge bedeuten würde, dass auch Josef F. den lebensbedrohlichen Zustand des Babys erkennen hätte müssen. Dieser bestreitet jedoch, das Kind je gesehen zu haben.

"Das Gutachten alleine reicht aber für eine Mordanklage nicht aus. Entscheidend wird sein, ob die subjektive Täterseite nachweisbar ist", erläutert Sedlacek. Heißt also, es muss klar bewiesen werden, dass Josef F. die Lebensgefahr erkannt und dennoch keine ärztliche Hilfe veranlasst hat. Ob die Anklage auf Mord ausgedehnt wird oder nicht, ist derzeit also noch nicht absehbar.

Neuer Richter

Mit einem Strafausmaß von drei Jahren wäre der Vorwurf, das Neugeborene im Stich gelassen zu haben, auf der unteren Skala des Strafausmaßes angesiedelt. Neuer Haftrichter Ab dem ersten September sitzt Josef. F. übrigens einem neuen Haftrichter gegenüber. "Der bisherige Richter ist nach Wien berufen worden. Wir haben aber zum Glück schnell einen Ersatz-Richter gefunden", erklärt der Vizepräsident des Landesgerichtes St. Pölten, Franz Cutka, im Standard-Gespräch. Am Zeitplan werde sich dadurch aber nichts ändern.

"Wir rechnen mit einer Anklage Mitte Oktober und einem Prozess noch im heurigen Jahr", so Cutka. Der Fall Amstetten wurde am 27. April 2008 bekannt. Der 73-jährige Josef F. soll in seinem Haus seine Tochter Elisabeth F. über 24 Jahre lang in einem Keller-Verlies eingesperrt und sexuell missbraucht haben. Josef F. ist weitgehend geständig und befindet sich derzeit am Landesgericht St. Pölten in Untersuchungshaft. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe, 5.9.2008)

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