Bawag-Urteil mit Folgen

3. September 2008, 18:58
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Die KPMG zittert vor einer Schadenersatzklage der Bawag

Wien - Österreichs Wirtschaftsprüfer sind beunruhigt. Grund ist das (nicht rechtskräftige) Bawag-Urteil, in dem Wirtschaftsprüfer Robert Reiter (Ex-KPMG) zu drei Jahren Haft, davon ein Jahr unbedingt, verurteilt wurde. Wird das Urteil bestätigt, ließen sich Schadenersatzansprüche der Bawag gegen KPMG ableiten. Insider gehen davon aus, dass die weltweit tätige KPMG diesfalls ihren Österreich-Ableger auffangen müsste. Finanzrechtler Werner Doralt fordert die externe Rotation der Prüfgesellschaften.Bawag-Schock für Wirtschaftsprüfer.

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Das Entsetzen ist groß unter den Wirtschaftsprüfern. Das harte erstinstanzliche Urteil gegen Bankprüfer Robert Reiter hat die Branche schwer verunsichert. Sollte das Urteil halten - die Staatsanwaltschaft forderte schärfere Strafen, Reiter hat berufen -, würde erstmals in Österreich ein Prüfer ins Gefängnis wandern. Er fasste drei Jahre bedingt aus, davon eines unbedingt - es gilt die Unschuldsvermutung.

Vor allem der Umstand, dass ein als "völlig integer geltender Experte und einer der bekanntesten Prüfer der Branche" - wie der Chef der Kammer der Wirtschaftstreuhänder, Klaus Hübner, meint - eingesperrt werden soll, schockiert. "Der vom Schöffensenat festgestellte Vorsatz hat mich sehr überrascht", erklärt Hübner im Gespräch mit dem Standard. Wie auch die gesamte Branche, in der "die Angst umgeht". Neben der konstatierten Bilanzfälschung ist es vor allem die Reiter vorgeworfene Beihilfe zur Untreue, die für Diskussionen sorgt. Ein für mögliche Schadenersatzansprüche der Bawag entscheidender Punkt. Und auch für die Reiter und die KPMG: Bei Vorsatz gilt keine Haftungsgrenze der Prüfer, und auch die Versicherung zahlt nicht.

Derzeit hat die Bawag noch nicht entschieden, ob sie gegen Reiter und die KPMG vorgehen wird. Jedenfalls will die Bank auf den Richterspruch in letzter Instanz warten. Das heißt aber nicht, dass man sich keine Gedanken über die weitere Vorgangsweise macht, auch wenn darüber offiziell keine Auskunft gegeben wird. "Die Klage steht im Raum", meint ein Involvierter und sei bei entsprechender Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils auch sehr wahrscheinlich. Der einzige mögliche Grund, auf den Schritt zu verzichten, könnte mit Überlegungen auf höherer Ebene zu tun haben: Die Bawag-Mutter Cerberus trifft weltweit immer wieder auf die KPMG - eine der vier großen Prüfungsgesellschaften.

Sie würde wohl für ihren Bediensteten Reiter geradestehen müssen. Nicht zuletzt, weil ein Prüfer heikle Fälle mit seinen Kollegen in der Regel bespreche, wie Werner Doralt, Professor für Finanzrecht an der Universität Wien, meint. Sollten sich Ansprüche gegen die KPMG durchsetzen lassen, würde es für die Gesellschaft heikel. "Das kann sie nicht stemmen", meint ein Insider. Branchenbeobachter gehen bereits davon aus, dass die internationale Gruppe den Österreich-Ableger auffangen müsse - und die bisher eigenständige Gesellschaft dann enger an die Kandare nehmen werde. Diese Szenarien werden von der KPMG unter Verweis auf das laufende Verfahren nicht kommentiert.

Für Doralt ist jedenfalls klar, dass aus dem Fall Bawag Konsequenzen zu ziehen sind. "Im derzeitigen System lebt der Prüfer vom Auftrag, was die Mittäterschaft begünstigt. Wenn er mitspielt, kann er jahrzehntelang mit dem Auftrag rechnen." Anders wäre das bei der externen Rotation, bei der die Prüfgesellschaft nach einer Frist wechseln muss (derzeit rotiert nur der Prüfer). Der Auditor würde dann automatisch fremdgeprüft und kann sich "nicht mehr auf Arrangements einlassen".

Und noch einen alternativen Vorschlag hat Doralt parat: Bei großen Banken soll die Finanzmarktaufsicht den Prüfer bestellen und das Honorar dem Geldinstitut verrechnen. Dann sinke die Gefahr der Mittäterschaft signifikant, ist der Professor überzeugt. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.9.2008)

  • KPMG-Packerl
    foto: standard/andy urban

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