Strategien der Abschreckung

3. September 2008, 19:02
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Bärenspinner zeigen raffinierte Anpassungen, wenn es um den Schutz vor Fressfeinden geht: Je nach Jahreszeit und Feind - Fledermaus oder Vogel - wird entweder mit Warnfärbung oder mit Signaltönen abgeschreckt

London - Das Phänomen nennt sich in der Sprache der Verhaltensbiologen Aposematismus. Hinter dem raren Fremdwort verbirgt sich eine bekannte und ziemlich übliche Strategie in der Tierwelt: Um potenziellen Fressfeinden ihre Ungenießbarkeit oder Wehrhaftigkeit zu signalisieren, tragen viele Tiere eine auffällige Warnfärbung.

Besonders verbreitet ist dieses Phänomen bei Amphibien - vor allem bestimmten Frosch- und Krötenarten -, bei Fischen aber auch bei Insekten. Vor allem bei Schmetterlingen und ihren Raupen findet man neben besonders gut getarnten auch solche, die ihre Ungenießbarkeit über eine auffällige Färbung signalisieren.

Gleichmäßig verteiltes Risiko

Da Fressfeinde die Aversion gegenüber den gefärbte Arten entwickeln müssen, werden immer wieder Individuen einer solchen Art verletzt oder sogar gefressen. Sie opfern sich damit quasi als Lehrmodelle dem Fressfeind. Diese Kosten der auffälligen Färbung sind jedoch über alle Individuen einer Population verteilt.

Was aber, wenn Beutetiere verschiedene Feinde haben, die noch dazu unterschiedliche Sinnesorgane zum Beutefang einsetzen? Bestimmte Schmetterlingsarten wie die Familie der Bärenspinner (ihren Namen tragen sie wegen der üppigen Behaarung ihrer Raupen) haben genau dieses Problem: Sie sind zwar für Vögel und Fledermäuse ungenießbar, müssen sich aber dennoch für beide Feinde auf unterschiedliche Art mit der Warnung "Ungenießbar!" ausstatten.

Denn während sich die Vögel bei der Insektenjagd vor allem mit ihren Augen orientieren - und allenthalben optisch gewarnt werden müssen -, vertrauen die Fledermäuse auf Ultraschall, was akustische Gegenstrategien notwendig macht - im konkreten Fall Klickgeräusche im Ultraschallbereich.

Angepasste Warnsysteme

Ein dänisch-US-amerikanisches Forscherduo hat nun erstmals im Detail erforscht, wie 26 verschiedene Bärenspinnerarten in der Provinz Ontario mit der doppelten Bedrohung umgehen - und dabei überraschende Anpassungsleistungen entdeckt. Wie John Ratcliffe und Marie Nydam in der neuen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" (Bd. 455, S. 96) berichten, sind die verschiedenen Unterarten nämlich je nach ihrem jahreszeitlichen Auftreten mit den jeweils "richtigen" Warnsystemen ausgestattet.

Bärenspinnerarten, die eher im Frühjahr aktiv sind, verlassen sich ausschließlich auf ihre Warnfärbung und produzieren kein Klicken, da ihnen nur Gefahr durch Vögel droht. Jene Bärenspinner hingegen, die eher im Herbst aktiv sind, setzen hingegen sehr wohl auf akustische Störmanöver, da nun vor allem die Fledermäuse gefährlich werden.

Ein Rätsel indes konnten auch Ratcliffe und Nydam nicht lösen: wie sich Aposematismus evolutionär erklären lässt. Denn Warnung statt Tarnung erhöht beim erstmaligen Auftreten das Risiko erheblich, gefressen zu werden. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 9. 2008)

  • Raffinierte Warnungen statt Tarnungen: Bärenspinner verschrecken je
nach Jahreszeit entweder Vögel durch grelle Färbung oder irritieren
Fledermäuse durch Klicken im Ultraschallbereich.
    foto: marie nydam

    Raffinierte Warnungen statt Tarnungen: Bärenspinner verschrecken je nach Jahreszeit entweder Vögel durch grelle Färbung oder irritieren Fledermäuse durch Klicken im Ultraschallbereich.

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