Die Bürde des Unvermeidlichen

3. September 2008, 18:34
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1970 feierte Österreichs Fußball den letzten Sieg gegen Frankreich. Endet die Durststrecke am Samstag in Wien, ist Raymond Domenech den Job als Teamchef der Franzosen wohl los

Paris/Wien - "Vor jedem Spiel sage ich mir, das könnte mein letztes sein", bekennt Domenech, der die Équipe tricolore seit Sommer 2004 coacht. Damals, nach dem Scheitern des Titelverteidigers im EM-Viertelfinale am späteren Europameister Griechenland (0:1), galt der ergraute Mann aus Lyon, der selbst achtmal für Frankreich gespielt (verteidigt) hat, als Hoffnungsträger. Schließlich hatte er ab 1993 als Trainer der U20- und U21-Mannschaft nicht unwesentlich zum Entstehen jener Truppe beigetragen, die unter Aimé Jacquet Welt- (1998) sowie unter Roger Lemerre Europameister (2000) war.

Rein statistisch ist Domenech, der mit seinem Team am Freitag nach Wien kommt, um tags darauf den ersten Schritt zur WM-Endrunde 2010 zu tun, auch wenig vorzuwerfen. Frankreich war unter dem mittlerweile 56-Jährigen jedenfalls nur schwer zu schlagen. Genau siebenmal in bisher 55 Spielen. Drei Niederlagen blieben jedoch deutlicher in Erinnerung als jeder der 31 Siege bzw. jedes der 17 Unentschieden. Zunächst natürlich die unglückliche im Elferschießen des Berliner WM-Finales gegen Italien. Und die beiden bei der jüngsten EM kassierten - das 1:4 gegen die Niederlande sowie das 0:2 gegen Italien, das das Aus nach der Vorrunde besiegelte.

Stoff für Stoff geben

Reichlich Stoff für Domenechs Kritiker, und deren gibt es viele, zumal sich der Mann keine Mühe gibt, die französische Presse friedlich zu stimmen. Zeitweilig sprach der Teamchef nur noch mit einer Sportmoderatorin des TV-Senders M6, mit Estelle, seiner Lebensgefährtin, die er unmittelbar nach dem EM-Aus mit einem öffentlichen Heiratsantrag beglückte.

"Ich habe einen Hauch von Menschlichkeit gezeigt in einem Moment, in dem ich professionell hätte bleiben müssen", geißelte sich Domenech dafür selbst. Schmerzlicher waren andere Watschen. "Inéluctable" titelte die Sportbibel L'Équipe, schlicht "unvermeidlich" sei Domenechs Demission. Der Trainer hatte aber auch Fürsprecher, allen voran seine wichtigsten Spieler Franck Ribéry, Thierry Henry und Kapitän Patrick Vieira sowie Uefa-Präsident Michel Platini. Also wurde Domenech, dem systematische Fantasielosigkeit an der Linie vorgeworfen wird, im Amt bestätigt.

Ausfälle, Anwürfe

Dieses Amt ist gerade jetzt kein leichtes. Lilian Thuram hat seine Karriere beendet. Dazu fehlen gegen Österreich Ribéry, Vieira und Willy Sagnol verletzungsbedingt, Eric Abidal ist noch gesperrt. Und in L'Équipe kritisierte Florent Malouda Domenech offen. "Ich bin zur Zielscheibe geworden. Dabei habe ich nur das gespielt, was der Trainer von mir wollte", sagte der Legionär von Chelsea, der bei der EM schwer enttäuscht hatte.

"Man kann hinterher immer sagen, dass es vielleicht anders besser gewesen wäre", entgegnete Domenech, der vor allem auf Henry, seinen neuen Kapitän, sowie auf dessen Sturmpartner Karim Benzema hofft. Der 20-Jährige von Lyon hatte bei seinem Teamdebüt gleich ins Tor getroffen. Am 28. März des Vorjahres gegen Österreich im 21. und bisher letzten Treffen. Es war der elfte Sieg der Franzosen, verloren haben sie achtmal, zuletzt vor 38 Jahren in Wien, ebenfalls in aller Freundschaft (0:1).

Am Samstag darf nichts passieren. "Wir müssen die Herzen der Franzosen zurückerobern", sagt Henry, der letzte Weltmeister, der im Kader steht. Der 31-jährige Rekordschütze (45 Tore) ist der leibhaftige Nachhall der Ära Zidane, die unter Domenech zu Ende ging. Auch Henrys Uhr tickt. Nach dem 0:1 des FC Barcelona zum Saisonauftakt bei Numancia wurde ihm bescheinigt, nur noch "eine Bürde" (El Mundo) zu sein. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 4. September 2008, APA, lü)

 

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    Raymond Domenech, Frankreichs Coach, gilt weder an der Linie noch in Sachen Öffentlichkeitsarbeit als großer Taktiker.

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