Liebhaber, Kindermädchen und Bin Laden

3. September 2008, 18:10
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Härte zeigen, Terroristen bekämpfen – und vor allem steht das Land an erster Stelle: So wollen die Republikaner ihren Kandidaten präsentieren

Die US-Öffentlichkeit redet weiter nur von McCains Vizekandidatin.

Es war einer dieser Momente, in denen es George W. Bush mit selbstironischen Spitzen versucht. "John hat keine Angst, dir ins Gesicht zu sagen, wenn er mit dir nicht einer Meinung ist. Glaubt mir, ich weiß es."
Die US-Fernsehanstalten hatten ihre Live-Übertragungen noch nicht begonnen, als Bush seine Lobrede auf John McCain hielt. Eigentlich sollte sie später beginnen, pünktlich zur abendlichen Primetime. 15 Minuten sollte der Auftritt dauern, dann wurde er auf acht zusammengestrichen. Direkt vor den Delegierten sollte der Präsident stehen, dann aber saß er an einem Schreibtisch im Weißen Haus.

Bush war von Texas, wo er sich über die Katastrophenhilfe im Zuge des Hurrikans "Gustav" informierte, zurück nach Washington geflogen. Der Kongressregie passte es gut ins Konzept. Der Fernsehnation blieb somit der Auftritt eines unpopulären Staatschefs erspart, während die Getreuen im Saal ihrem Idol zujubeln konnten, wenn auch ferngesteuert, per Videolink.

Das Land brauche einen Präsidenten, der die Lehren des 11. September verstehe, sagte Bush. Um sich zu schützen, müsse Amerika in der Offensive bleiben "und nicht warten, bis wir wieder getroffen werden" . Der richtige Mann dafür sei McCain. In nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft habe er eisernen Willen bewiesen. "Und wenn das ‚Hanoi Hilton‘ John McCain nicht brechen konnte, dann kann ihn auch die zornige Linke nicht stoppen."

Amerika zuerst, Härte zeigen, Terroristen präventiv bekämpfen – so klingt die Leitmelodie der Republikaner. "Country First!" steht auf ihren Postern. Wer den tieferen Sinn der Botschaft nicht gleich begreift, dem helfen Scharen von Propagandisten gern auf die Sprünge: Bei McCain stehe das Land an erster Stelle, bei Obama die eigene Person.

Gestörte Parteitagsregie

Allerdings ist den Regisseuren das Heft des Handelns gründlich entglitten, denn hinter den Kulissen reden alle nur von Sarah Palin. Neuestes Thema ist der Fragebogen, den McCains Vizekandidatin ausfüllen musste, wie alle anderen Aspiranten auch, bevor man sie in den Favoritenkreis der Bewerber aufnahm. Dabei ging es auch um intime Dinge. "Haben Sie jemals für Sex bezahlt?" – "Waren Sie Ihrer Ehe treu?" "Haben Sie sich im Internet Pornografie heruntergeladen?" Nach Kindermädchen und Putzfrauen wurde gefragt, aber auch nach Krisenszenarien. Angenommen, die CIA hätte Osama Bin Laden im Grenzland Nordpakistans identifiziert. Der Versuch, ihn zu töten, würde unschuldigen Zivilisten das Leben kosten – würde die Kandidatin einer Kommandoaktion zustimmen?

Oder: Falls der demokratische Parteivorsitzende Howard Dean peinliche Enthüllungen über die Kandidatin ankündigte – welche Enthüllung wäre ihr am peinlichsten? Arthur Culvahouse, McCains Personalchef, scheint zufrieden gewesen zu sein mit den Antworten, die er von Sarah Palin bekam. Jetzt aber hat er ein Team nach Alaska gesandt, um ihren Hintergrund noch einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen. Nach der Aufregung um Palins unverheiratet schwangere Tochter Bristol sind es politisch brisantere Fragen, deren sich die Gouverneurin erwehren muss.

In der Alaska Independence Party soll sie sich stärker engagiert haben, als man bisher wusste. Die Partei, der Palin angehörte, bevor sie zu den Republikanern wechselte, schreibt sich die Unabhängigkeit des ölreichen Bundesstaates auf die Fahnen. Sie fordert die Wiederholung eines Referendums, mit dem sich Alaska 1958 den USA anschloss und das sie als korrumpiert bezeichnet. Ihr Slogan lautet "Alaska zuerst!", nicht "Amerika zuerst!". (Frank Herrmann aus St. Paul/DER STANDARD, Printausgabe, 4.9.2008)

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