Systematische Liquidation

24. Februar 2003, 14:14
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Neben dem Endbericht der Historikerkommission werden 53 Studien zu verschiedenen Themen veröffentlicht - Zentraler Bericht beschäftigt sich mit dem Bankwesen

Wien - Bis zur Machtübernahme Hitlers war Camilla Kohn eine vermögende Frau gewesen: Sie leitete das Bankhaus J. Kohn & Co in der Hohenstaufengasse, das ihr Mann Isidor - er starb 1934 - gegründet hatte. Im Eigentum der Firma befanden sich neben dem Betriebsvermögen auch Liegenschaftsanteile (zwei Drittel eines Hauses in der Taborstraße) und mehrere Gemälde.

Das Schicksal der Camilla Kohn, die nach Kanada emigrierte, ist ein symptomatisches: Sie verlor durch das NS-Regime praktisch alles. Und erhielt nach 1945 so gut wie nichts zurück. Trotz zahlreicher Ansuchen und Berufungen. 1958 schreibt sie nach einer neuerlichen Niederlage, die sie gegen die österreichische Bürokratie erlitten hatte: "Der ablehnende Bescheid verletzt einfach, abgesehen von rechtlichen Erwägungen, meine Rechte als Mensch."

Sie erhielt zwar ihre Liegenschaftsanteile zurück. Aber unter der Bedingung, dem Ariseur die von ihm bezahlte Kaufsumme zurückzuerstatten, die sie selbst nie erhalten hatte. Dazu war Camilla Kohn nicht in der Lage: Sie musste das Haus in der Taborstraße dem Ariseur überlassen.

"Trotz aller Machinationen" bei der Liquidation des Bankhauses war zwar ein Erlös verblieben. Aber auch diesen erhielt Camilla Kohn nicht zurück. Weil der Betrag auf ein Sammelkonto des Oberfinanzpräsidenten Niederdonau eingezahlt worden und "durch Vermengung untergegangen" sei, wie es in der Begründung hieß. Auch die Ausstellung einer neuen Bankkonzession verweigerte die Republik.

Camilla Kohn erhielt lediglich 30.283 Schilling ausbezahlt, da sie exakt diese Summe nachweislich als Reichsfluchtsteuer abgeführt hatte. Und ein einziges Bild, das großformatige Gemälde Mütter von Albin Egger-Lienz (141 x 201 cm) aus dem Jahr 1922. Beziehungsweise: Man entschädigte sie für das bedeutende Werk gerade einmal mit 800 US-Dollar. 1965 gab Camilla Kohn hoch betagt auf: Ihren eigenen Berechnungen zufolge war sie mit nur drei Prozent des erlittenen Schadens abgefunden worden.

Labyrinth der Gesetze

Für den Historiker Peter Melichar stellt der Fall Kohn "ein beklemmendes Beispiel" dafür dar, "wie einzelne sich im Labyrinth der Gesetze, Verordnungen, Rückstellungskommissionen, Behörden und Entschädigungsfonds verirren und jahrelang erfolglos sich darum bemühen konnten, zu ihrem Recht zu kommen". Und zudem "ohne eigenes Verschulden".

Der Fall ist der 53., den Melichar in seinem umfangreichen und äußerst penibel recherchierten Bericht Neuordnung im Bankwesen. Die NS-Maßnahmen und die Problematik der Restitution, erstellt im Auftrag der Historikerkommission, darlegt. Insgesamt behandelt er 107 in der Zeit des Nationalsozialismus "liquidierte und arisierte" Bankhäuser. Das heißt: mehr oder weniger alle. Ein exakte Zahl ist unmöglich, weil es Definitionsprobleme gibt. Und weil die Daten mühsam zusammengetragen werden mussten: Der zentrale Aktenbestand im Ausmaß von 73 Kubikmeter wurde wohl in den 50er Jahren vernichtet.

Staatliche Kontrolle

Bis 1924 war das Bankgewerbe in Österreich ein freies gewesen. Dementsprechend viele Institute gab es. Aufgrund der neuen Gesetze und der Wirtschaftskrise aber mussten viele Banken schließen. Oder sie gingen in Konkurs: Die Zahl der österreichischen Aktienbanken reduzierte sich zwischen 1925 und März 1938 von 76 auf 21.

Und dieser Trend setzte sich in der NS-Zeit systematisiert fort, wie Melichar ausführt: "Die Entjudung und die weiteren Liquidationen nichtjüdischer Firmen im Bankensektor zielte auf grundlegende Umstrukturierungen und Umschichtungen im Kreditwesen, im weiteren auf eine Neuordnung der Wirtschaft". Die Leihkapitalverteilung sollte nach den Erfordernissen vorgenommen - und mithin staatlich kontrolliert werden.

Unmittelbar nach dem Einmarsch am 12. März 1938 wurde die Börse geschlossen, in den darauf folgenden Tagen übernahmen die "arischen" Mitarbeiter die kommissarische Verwaltung der "jüdischen" Privatbanken. Oder die Gestapo besetzte diese. Zumindest 26 Bankiers - darunter Louis Rothschild - wurden verhaftet, einige begingen Selbstmord. Als die Börse am 27. Oktober 1938 wieder eröffnet wurde, gab es keine jüdischen Bankhäuser mehr, die nicht arisiert oder kommissarisch verwaltet wurden.

Den Besitzer wechselten in der NS-Zeit aber nur rund acht Banken, darunter Ephrussi & Co, Rosenfeld & Co, Fried & Thiemann, Hochsinger & Abel, Breisach & Co und Rothschild. Die meisten wurden liquidiert. Mit dieser Aufgabe im Rahmen der "Neuordnung im Bankwesen der Ostmark" betraut wurde vor allem der Wiener Giro- und Cassenverein (WGCV), eine gemeinsame Tochtergesellschaft der CA, der Länderbank, OIKAG und der ÖCI. Wie die Kontrollbank, die als "Auffanggesellschaft für nichtarische gewerbliche Unternehmungen" über 100 Arisierungen durchführte, wurde auch der WGCV nach Beendigung des schmutzigen Geschäfts aufgelöst.

Die Gebührensätze für die kommissarische Verwaltung orientierten sich an den Bilanzsummen bei der Übernahme. Der WGCV hatte angesichts der Regelung, die von ihm selbst vorgeschlagen worden war, kein Interesse, diese Summen niedrig zu halten.

Nach Kriegsende bestand, so Peter Melichar, die einhellige Meinung, dass man zu den alten Zuständen nicht zurückkehren dürfe: Es habe kein Interesse bestanden, die ehemaligen Eigentümer der Bankhäuser oder deren Erben zurückzuholen, sie zu rehabilitieren, ihnen ihr Eigentum zurückzuerstatten und ihnen wieder die Möglichkeit zu geben, ihre ehemalige Bankierstätigkeit auszuüben.

Wertlose Wertpapiere

Natürlich kam es zu Rückstellungen. Mit für die Betroffenen zumeist enttäuschenden Ergebnissen. Der Bankier Max Schenkel zum Beispiel erhielt zwar seine Wertpapiere zurück, aber sie waren völlig entwertet.

Und die ausbezahlten Erlöse aus den Liquidationen waren sehr gering: Sie entsprachen keineswegs dem Wert, den ein Bankhaus vor dem "Anschluss" repräsentiert hatte: Sie lagen nicht nur weit unter dem Verkehrswert und waren nicht nur durch die hohen Honorare der kommissarischen Verwalter, Treuhänder und Liquidatoren geschmälert, sie waren vor allem unter den prekären Bedingungen einer Zwangssituation erwirtschaftet worden, wie Melichar schreibt.

Bezüglich der wenigen arisierten Banken kam es in der Nachkriegszeit zu Kooperationen (z. B. in den Fällen Rosenfeld & Co und Breisach & Co) - oder zu Abfindungen: Die Erben nach Viktor Ephrussi erhielten 1948 für den 20-Prozent-Anteil vom "Ariseur" Carl August Steinhäusser lediglich 50.000 Schilling. Dabei war das Bankhaus Ephrussi & Co eine der bedeutendsten Privatbanken gewesen.

Noch problematischer gestaltete sich die Ausfolgung der Bankkonzession. Denn die Rückstellung einer solchen war durch kein Gesetz geregelt - und daher der Willkür der Beamten des Finanzministeriums überlassen. Beziehungsweise: Nach dem Kreditwesengesetz war eine Konzession, die zurückgelegt worden war, erloschen. Die Betroffenen konnten daher nur um die Neuvergabe ansuchen: Ein Anrecht gab es nicht.

Ein Teufelskreis

Und die Beamten brachten immer wieder gute Gründe vor, warum eine Konzession nicht vergeben werden könne. Zum Beispiel, weil der Erbe keine spezifische Ausbildung habe. Oder weil der Antragsteller nicht über das notwendige Kapital verfüge. Dieses war aber 1938 entzogen und/ oder beschlagnahmt und verwertet beziehungsweise vernichtet worden. Die Rückstellung einer Bank glich, schreibt Melichar, "gewissermaßen einem circulus vitiosus."

Einen diesbezüglich exemplarischen Fall beschrieb Hubertus Czernin im Buch Die Auslöschung: Den Erben nach Alphonse Thorsch gelang es bis dato nicht, eine Konzession zu erhalten. Diese ist aber von entscheidender Wichtigkeit: Denn nur als Bank ist es den Erben möglich, auf die Werte, die seit der NS-Zeit in ausländischen Instituten lagern, zuzugreifen. (Das Bankhaus hatte einen einzigen Kunden - seinen Eigentümer.)

Gegen die Vergabe von Konzessionen sprachen sich auch die Banken aus, die von der Vertreibung ihrer Konkurrenten profitiert hatten - und nun keine neue Konkurrenz wollten. Nur elf Antragstellern gelang schließlich das Husarenstück, eine Konzession zu erhalten, darunter Gutmann, Richard Frankenbush, S. M. Reitzes, Eduard Bellak & Cie, Wurzel & Brach und Winter.

Peter Melichars Resümee: "Der Bankensektor wurde durch die Eingriffe der NS-Wirtschaftspolitik maßgeblich und bleibend verändert. Der Beruf und die Figur des Privatbankiers wurden marginalisiert und verschwanden schließlich völlig." (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2003)

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