Der Mythos als Born der getanzten Bewegung

23. Februar 2003, 20:38
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Entwicklungsstufen eines Tanzzentrums: Premiere der "abcdancecompany" im Festspielhaus St. Pölten

St. Pölten - Die seit August 2002 im Festspielhaus St. Pölten residierende 15-köpfige "abcdancecompany" versteht sich als choreografisches Zentrum, dessen Grundlage die partnerschaftliche Arbeit zwischen Tänzern und Choreografen bildet. Dass es sich nicht um eine übertriebene Ankündigung handelt, hat die jüngste Premiere unter dem Titel Mythologies bewiesen.

Grundsätzlich ging es bei diesem aus vier Kurzstücken bestehenden Programm um Tradiertes, aber eben auch um die Überlieferung von in den letzten 15 Jahren bis heute entstandenen, individuell geprägten Tanzsprachen, deren Alphabet, nicht aber Ausdrucksweise der akademisch-klassische Tanz ist.

Ausgehend von den klassischen Grundpositionen, die sich blitzschnell zu multiplen Bewegungskonglomeraten weiterspinnen, entwickelt sich bei Wayne McGregor vor und hinter fluoreszierenden Lichtwänden das von drei Paaren seriell gestaltete Millennarium (1997). Zu Musik von Antonio Vivaldi zaubern José Montalvo und Dominique Hervieu mit Les mitrailleuses en état de grace (1996) ihre flotten, von haarscharf eingesetzter Gestik begleiteten Sequenzen. Gerade bei einem vordergründig leichten Stück hängt die Effizienz von der exakt treffenden Interpretation ab. Die hat gepasst.

Israelischer Alltag

Einzig zur Uraufführung gelangte Susan, The Saints and the Neighbours von Barak Marshall: Anleihen fand er im israelischen Alltag, den er in zwölf Minuten parodiert. Zuerst streiten sich die Männer, dann die Frauen: Im Tanz veranschaulicht sich das als agil-mobile Persiflage.

Höhepunkt des vorerst einmaligen Abends war Angelin Preljocajs Noces aus dem Jahr 1989. Der zu Strawinskys Les Noces (1923) entstandene Klassiker des "nouvelle danse fran¸caise", diese dynamische, die rituelle russische Bauernhochzeit mit ihrem sakralen Hintergrund zitierende Musik, ist in dieser eindrucksvollen Form nur Preljocaj gelungen. Wer die Originalfassung kennt, muss das junge Ensemble für die getreue Wiedergabe einfach loben. So lässt sich ein attraktives Repertoire aufbauen. Ein Repertoire, mit dem man von St. Pölten aus auch andere Orte bespielen wird.

Nicolas Musins Beitrag Sub- tle Differences wurde wegen der Verletzung einer Tänzerin auf den 24. Mai verschoben, wo es im Rahmen das "abc- dancecompany"-Programms East Roads zu sehen sein wird. Am 7. und 8. März zeigen sich die Tänzer mit Déjà Waltz in Kreationen zu Walzerkompositionen. (ER STANDARD, Printausgabe vom 24.2.2003)

  • Artikelbild
    pressefoto festspielhaus/ laurent s. ziegler
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