Changierende Flächen, ekstatischer Tanz

23. Februar 2003, 20:32
posten

Das Kirov-Orchester begeistert in Graz

Graz - Welche Anstrengung, welche Leistungsfähigkeit, und: welche musikalische Erfüllung! Das Kirov-Orchester des Mariinsky-Theaters gab unter Valery Gergiev außer den Vorstellungen im Opernhaus so "nebenbei" ein Konzert in der neuen Helmut-List-Halle im Westen von Graz. Auf dem Programm standen vier Spiegel-Stücke des Wiener Komponisten Friedrich Cerha und Strawinkys Le Sacre du printemps. Dieses Konzert stand in der Reihe Ikonen des 20. Jahrhunderts, die der "steirische herbst" für das Kulturhauptstadt-Jahr geplant hat.

Durchaus Neuland für die Petersburger Gäste war die Komposition Cerhas. Das siebenteilige Werk war übrigens vor 30 Jahren beim IGNM-Fest in Graz in der Gesamtheit uraufgeführt worden. Es markiert eine Schnittstelle der neueren Musikgeschichte, als Gegenentwurf zum Serialismus der Nachkriegszeit. Auch György Ligeti und Krzysztof Penderecki begannen in voneinander abgesetzten oder changierenden Klangflächen zu denken.

Die Petersburger erfüllten die Auswahl der Stücke I, III, VI und VII, von den Einzelereignissen am Beginn, aus denen sich die ersten Cluster lösen, über gewaltige Steigerungen und Interruptionen bis zum leise verklingenden Schluss mit großer Spannung, die von den Zuhörern mit Standing Ovations für den Komponisten quittiert wurde. Eine von ihm mitgedachte abstrakt-szenische Wiedergabe harrt noch der Ausführung.

Strawinskys Hauptwerk wurde zu einem Höhepunkt des Gastspiels überhaupt, das nach elf theatralischen Aufführungen und einem weiteren Konzert im Opernhaus endete. Von den dräuenden Holzbläserklängen des Beginns über das Gestampfe der Frühlingsboten, die kreischenden Blechdissonanzen und Posaunenglissandi im "Reigen" bis zu den vertrackten Rhythmen und gewaltigen Paukenschlägen im "Opfertanz" war das Ur-Russentum dieser Musik in kaum je gehörter Wucht und Präzision (hier nahmen Gergievs bisher unbewaffnete Hände den Stab), aber auch Farbigkeit in den leiser raunenden Zwischenpartien zu erleben.

Als wären das alles bloße Bagatellen, warteten die Gäste mit zwei Zugaben auf: mit einem charmanten Tanz aus Rimski-Korsakows Märchenoper Snegurotschka und dem etwas geschwind gelaufenen Ungarischen Marsch (Rákóczi-Marsch) in der Einrichtung von Berlioz. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24.2.2003)

Von
Manfred Blumauer
Share if you care.