Die freigesetzten Fixgesetzten

23. Februar 2003, 20:41
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Die fabelhaft humorvolle Theatercollage "GROUNDINGS" von Christoph Marthaler im Zürcher Schauspiel am Pfauen

Mit der fabelhaft humorvollen Theatercollage "GROUNDINGS" gedenkt Christoph Marthaler im Zürcher Schauspiel am Pfauen nicht nur des Untergangs der Swissair. Sein "Hoffnungstraining" für geschasste Manager setzt vor dem Hintergrund des Kapitalmarkts den Glauben an den Menschen ins Recht.

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Wenn ein helvetischer Aufsichtsratsvorsitzender das Nichtabheben der nationalen Flugzeugflotte vermeldet, so bekennt er trocken, "nach beste Wüsse und G'wüsse" gehandelt zu haben.

Er räumt sogar im Namen des Vorstands ein, dass wohl nicht alle Spekulationen auf den Aktienmärkten tatsächlich "uff'gangen" seien. Und der Zürcher Schauspieler Ueli Jäggi, ein spindeldürrer Business-Grounder aus Christoph Marthalers Zürcher Theaterturnriege, presst während dieser umfassenden, das Selbstwertgefühl eines ganzen Landes erschütternden Kapitulation die Hände wie Löschblätter zwischen die sichtlich morschen Knie, während ihn ein als Journalist verkleideter Heimkellerorgelspieler (Jürg Kienberger) mit nicht versiegendem Schwyzerdütsch zu Tode belästigt.

Eine nationalstaatliche Katastrophe bisher unbekannten Ausmaßes hatte die für unüberwindbar geltenden Felsmassive der Schweizer Nationalökonomie erreicht: Die Swissair konnte im Oktober 2001 aufgrund eines umfassenden Bankrotts nicht mehr an den Start gehen.

Seitdem "groundet" die Schweiz. Die Kaste der Wachstumsmakler hatte ihren Super-GAU. Im mythologischen Selbstverständnis der Eidgenossen wohl nur mit der Erduldung eines Diktatfriedens vergleichbar.

Nun bekam auch das auf ökonomische Wohlfahrt gegründete Selbstbild der Schweizer empfindliche Schrammen ab. Zwar möchte man das Monopol auf die diskrete Geldverwahrung erhalten wissen. Zum anderen duldet die Globalisierung mit ihren Vernetzungs- und Verhetzungstendenzen eben nicht das Braten einer nationalen Sonderwurst.

Überall der Markt

Der Markt mit seiner Verwertungslogik ist überall, und er übt gegen alle die gleiche, universelle Ungerechtigkeit. Auch wenn diese nur auf Sachzwängen basieren sollte. Der feiste, ein wenig ungepflegte "Gemütsmensch mit Sachzwang" (André Jung) nennt dies während einer Verwaltungsratssitzung, die an hochkant gestellten Erste-Hilfe-Koffern wie ein Femegericht abgehalten wird, den "konstruktiven Sozialneid": Der anständige Arbeitslose freue sich reinen Herzens über das Gedeihen aller Konzerne in der Nachbarschaft.

Der Markt unterwirft sich in Gestalt einer hochmögenden, in Zürich beheimateten Bürgerschaft sogar das wunderliche Theatergenie Christoph Marthaler - und belästigt es mit jenen ökonomischen Kalkülen, gegen die das Theater seinen Daseinszweck immer defensiver behauptet.

Nicht zufällig ist es daher auch das Zürcher Schauspiel des Christoph Marthaler, das dem Crash der heimischen Elite das bis dato wunderlichste Nachspiel hinterdreinschickt. GROUNDINGS/eine Hoffnungsvariante ähnelt, aus dem Plüsch des Pfauen betrachtet, zunächst einem gut gelaunten Kabarettabend - mit stark regional gefärbtem Anspielungsreichtum. Hopp, Schwyz! Bleibt die Frage, ob die nagenden Selbstzweifel einer abgefertigten Managerriege, mit Verstopfungsanfällen und massiven Selbstmitleidsschüben, gleich die Bankrotterklärung des Kapitalismus rechtfertigen.
Aber Marthaler, und mit ihm seiner die Papiere, Sitzungsprotokolle, Ich-AG-Bücher bunt zusammenklebenden Dramaturgin Stefanie Carp, steht der Sinn deutlich nach mehr Allgemeinheit. Er räumt den Bankrotteuren ein Leben nach dem Crash ein. Er päppelt acht Herren und eine Dame - aus jener schönen Zeit, als man Flugbegleiterinnen noch ungerügt Stewardessen nennen durfte - mit Sport und Tipps auf.

Die Bankrott-AG übt das Koffertragen. Sie prüft den Sitz der Fliege: bon! Durchsage: "Wegen eines technischen Gebrechens hat die Maschine aus Johannesburg eine Verspätung von 28 Sekunden!" Handy heraus: Wie erklär' ich's meiner Frau? Ein anderer Jet meldet gleich "19 Jahre Verspätung". Es wird an den Fingern geschnüffelt, es werden Kreuze geschlagen: Wie kommt es, dass in der Schweiz die Uhren offenbar immer noch anders ticken?

Wieso hängt über den wehrmachtsgrauen Fluglinienvorhängen der Swissair, die auf Anna Viebrocks Bühne zu beiden Seiten eines Sitzungsbüros an den Karniesen entlangrattern, so ein durchdringend mürber Geruch aus Hässlichkeit und Daseinsangst?

Nirgendwo ein Mensch

Marthaler, aufgrund einiger als ungenügend empfundener Eckdaten selbst beinahe das Opfer einer Freisetzung, rächt sich mit dem hohnvollen Spott des sich für unzuständig Erklärenden: So elend wie wir verspielte, neurotische Theaterfachkräfte seid ihr, geehrte Global Player, noch lange!

Während also die Überhitzung des spekulativen Kapitalmarkts die papierensten Blüten treibt, die Weltwirtschaft sich auf Pump ihre Zuwächse besorgt, bleiben die Menschen hinter den Vorstandssesseln in Marthalers Zeitloch kleben - singend, versteht sich. Oder sie haben die Krätze an den geschmacklos bezwirnten Oberschenkeln und meinen: "Die Medien machen uns kaputt!" Oder sie teilen sich während stürmischer Verwaltungsratssitzungen dick belegte Pausenbrote und spucken als zugekokste Werbedirektoren (Sebastian Rudolph) grünen Schaum. Der Schnee kommt aus den Alpen . . .

Der soziale Sinn sickert hier aus allen Ritzen eines unbarmherzigen Geschäftsbetriebes. GROUNDINGS ist der bitter-schöne Abgesang auf alle brach liegenden Humanressourcen: die radikale Absage an die menschliche Benutzeroberfläche zugunsten aller Spinner und Trödler. Marthaler übt die weise Freundlichkeit der chinesischen Weisen: ein Brechtscher Gedanke.

Geschasste Manager segeln auf unsichtbar bewegten Schleudersitzen durch papierene Wände, um wieder aufzutauchen, erneut durch die Membran zu fahren - und so ewig weiter, weil der Mensch, oder was ihn einmal ausgemacht hat, niemals untergeht. Ein schöner, auch frivoler Abend, als Lachkabarett sehr sinnvoll verkleidet - die vorschnell zum Wrack erklärte Luxusmaschine "Schauspiel Zürich" befindet sich wieder im Steigflug: Dem Vernehmen nach möchten die Zürcher Veranwortlichen ihren Marthaler jetzt sogar länger als die vorhergesehen fünf Jahre behalten.
Er wird es zu prüfen wissen. Nach "beste Wüsse und G'wüsse". (DER STANDARD, Printausgabe vom 24.2.2003)

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