"Den Bison darf man töten"

3. September 2008, 19:25
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Grünen-Chef Alexander Van der Bellen über Tierschutz und Teuerung, Verteilungsgerechtigkeit und Volksverdummung, Hans Peter Haselsteiner und Heuschrecken im STANDARD-Interview

STANDARD: Warum machen Sie im Fernsehen immer so ein grimmiges Gesicht?

Van der Bellen: Stimmt, wenn ich mich konzentriere, kriege ich oft einen grantigen Ausdruck. Darüber haben sich meine Kinder schon echauffiert.

STANDARD: Hat Ihre Miene in letzter Zeit vielleicht auch damit zu tun, dass das LIF bei der Wahl antritt?

Van der Bellen: Nein. Natürlich sind wir Konkurrenten - aber das sind für uns SPÖ und ÖVP genauso.

STANDARD: Nur bemühen sich die Liberalen um exakt dieselben Wähler wie Sie: Gut Gebildete, denen Bürgerrechte wichtig sind und die einen Hang zur Umverteilung haben.

Van der Bellen: Gesellschaftspolitisch gibt es, zugegeben, Überschneidungen, ja sogar idente Positionen, wie bei der Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Aber wenn jemand engagierter Straßenbauer ist und meint, jede zusätzliche Milliarde dafür ist gut, dann ist er bei Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner besser aufgehoben als bei uns.

STANDARD: LIF-Wirtschaftssprecher Haselsteiner will aber auch neue Steuern auf Vermögen, die Vorteile für Privatstiftungen abschaffen ...

Van der Bellen: Geh bitte! Hier muss ich leider polemisieren: Erstens weiß ich gar nicht, ob Haselsteiner in Österreich überhaupt voll steuerpflichtig ist. Und zweitens: Wenn ich meine Scherflein bereits in Stiftungen und anderen Konstruktionen geparkt habe, kann ich leicht stinken mit dem Ruf nach 80 Prozent Spitzensteuersatz.

STANDARD: Die Grundsicherung propagiert das LIF seit eh und je. Das haben Sie sich doch abgeschaut?

Van der Bellen: Keineswegs. Ich behaupte: Wir waren damit die Ersten! Vor uns hat sich nur die Katholische Sozialakademie für ein Grundsicherungsmodell eingesetzt. Nur: Als die Liberalen die Forderung erhoben, sind damals alle aufgeschreckt: „Na schau, das LIF!" Während man das bei uns kaum der Rede wert fand.

STANDARD: Tierschützer Martin Balluch kandidiert für die Grünen. Abgesehen davon, dass seine U-Haft bedenklich war: Ist der Verein gegen Tierfabriken nicht radikal?

Van der Bellen: Radikal heißt ja nicht kriminell! Die Einladung zur Kandidatur an Martin Balluch ist ein Ausdruck der Solidarität gegenüber allen Aktivisten von NGOs, die mithilfe des Anti-Mafia-Paragrafen eingesperrt wurden. Dieser sollte nur gegen die organisierte Kriminalität wie Drogenhandel angewandt werden. Ich freue mich, dass die zehn Tierschützer - sie saßen ja mehr als 100 Tage in U-Haft - nun frei sind. Aber ich verlange eine Novellierung des inakzeptablen Paragrafen.

STANDARD: Mit Pelzverbrennungen haben Sie kein Problem? Die Verdachtsmomente gegen den Verein wegen Sachbeschädigung werden ja weiter geprüft.

Van der Bellen:: Bis zu einer Verurteilung gilt in Österreich immer noch die Unschuldsvermutung! Aber die Staatsanwaltschaft hat bis jetzt noch nicht einmal Anklage erhoben gegen eine konkrete Person wegen eines konkreten Delikts.

STANDARD: Darf ein echter Grüner überhaupt alle Tiere essen?

Van der Bellen: Es kommt auf die Umstände an, wie sie gehalten werden. Im Gegensatz zu Schweinen, die frei herumlaufen, wissen die aus der Massenhaltung wegen des Blutgeruchs genau, wann sie zum Schlachten geführt werden. In guter indianischer Tradition meine ich, dass man den Bison töten darf, weil das für das eigene Überleben notwendig ist - aber es soll mit Respekt geschehen. Die Gelsen im Burgenland vernichte ich aber gnadenlos, wenn sie mich beißen. Das ist Notwehr.

STANDARD: Apropos Insekten: Einer Heuschrecke haben Sie im Sommer aber doch unter enormem Einsatz das Leben gerettet?

Van der Bellen: Ja, das war ein typisch grüner Arbeitsunfall: In der Früh stehe ich in der Küche, rühr im Kaffee, plötzlich hupft da ein Heuschreck herum. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, ihn zu fangen, komme ich unter Zeitdruck. Gut, sag ich mir: Letzter Versuch - und gelungen, ich hab ihn! Dann geh ich eilig Richtung Balkon, muss eine Rechtskurve machen, über den Teppich - und auf einmal rutscht mir der unter den Füßen weg. Ich krach auf den Boden, renk mir das Knie aus, Seitenbandzerrung, Muskelfaserriss. Aber der Heuschreck - gerettet! Ich hoffe, er lebt noch.

STANDARD:: Neigen Sie zum Missgeschick? War da nicht auch einmal was beim simplen Eierkochen?

Van der Bellen: Was Sie sich alles merken. Ich habe die Platte angedreht, und um zu prüfen, ob sie heiß wird, habe ich die Hand auf den Herd gelegt - und mich verbrannt. Der damalige Finanzminister Grasser hat dann gemeint: „Schon wieder tragen S' einen Verband!" Aber ich bin sicher nicht unfallgefährdeter als der Durchschnitts-Österreicher.

STANDARD: Als ehemaliger Universitätsmensch mit Hang zu komplexen Diskussionen: Wie tun Sie sich mit den schnellen, einfachen Botschaften beim Wahlkämpfen?

Van der Bellen: Was ich bis heute an Wahlkämpfen und auch an diesem als irritierend empfinde: Bis zum 28. September kommt man sich vor wie bei einem Pferderennen. Alle tun so, als ob da ein Sieger feststünde und wir gehen alle heim. Dabei gehen die Fragen, wie Österreich regiert werden soll, dann erst los. Und bis dahin verzetteln sich die Parteien. Ich bin auch nicht unschuldig, geh allzu gern auf Detailfragen ein. Dann ist die Fernsehzeit vorbei - und ich denk mir: „Jetzt haben wir uns wieder mit Kleinkram beschäftigt." Ständig reden wir über die Mehrwertsteuer. Mit diesem Wahlkampfgag gegen die Teuerung schafft es die SPÖ, uns wochenlang zu beschäftigen. Dabei wäre es eine soziale Frage ersten Ranges, wie wir uns vorm Klimawandel schützen und die neu entstehenden Märkte bei erneuerbarer Energie nützen können.


STANDARD: Mit der SPÖ wollen Sie aber für die Abschaffung der Studiengebühren stimmen, obwohl die Maßnahme weder sozial treffsicher ist, noch klar ist, woher die Unis künftig das Geld kriegen. Agieren die Grünen da nicht genauso unseriös, wie Sie das der SPÖ vorhalten?

Van der Bellen: Zur Abschaffung der Studiengebühren habe ich - nicht immer zur Freude meiner grünen Freunde - stets gesagt, dass das verteilungspolitisch nicht Priorität haben kann. Die muss bei den Kindergärten liegen, da geht es um viel höhere Beträge, die sich die Eltern bei einem Gratiszugang ersparen würden. Bildungspolitisch ist es uns aber wichtig, das Signal des freien Uni-Zugangs zu setzen, der nicht länger blockiert, sondern ausgebaut gehört.

STANDARD: 2005 sorgten Sie sich noch, dass man die Unis bei einem Gebührenentfall „narrisch" macht.

Van der Bellen: Der Gebührenausfall muss den Unis selbstverständlich eins zu eins ersetzt werden. Und die Abschaffung könnte frühestens im Sommersemester 2009 in Kraft treten, alles andere wäre administrativer Horror. Und ich weiß ja nicht, ob sich die SPÖ darüber Gedanken gemacht hat, die reden ja kaum mit uns: Aber freilich gehört der zu ersetzende Betrag für die Unis dynamisch an die Kopfzahl ihrer Studenten gebunden. Damit wäre ein wesentlichster Vorbehalt der Rektoren ausgeräumt.

STANDARD: Warum gestaltet sich die Erneuerung Ihrer Partei so schwierig? Zwei Bewerberinnen aus der Migrantenszene, die am Sonntag beim Bundeskongress wieder antreten, fielen in Wien beim Match um sichere Listenplätze durch: Beatrice Achaleke und Alev Korun.

Van der Bellen: Ich werde sicher keine Prognose abgeben, wie die Abstimmung diesmal ausgeht. Aber warum Sie das Wiener Beispiel für eine gescheiterte Erneuerung hernehmen, ist mir nicht klar: Auf den sicheren fünften Platz wurde Klubdirektorin Daniela Musiol vorgereiht. Aber vielleicht gehe ja ich Ihnen auf die Nerven, weil ich schon so lange im Geschäft bin?


STANDARD: Was, wenn es die Grünen diesmal wieder nicht in die Regierung schaffen? Es heißt, dass Sie es dann hinschmeißen werden.

Van der Bellen: Bei allem Respekt, aber warum haue ich mich so in diese Wahl? Weil wir Grüne in Sorge sind, was mit dem Land bis 2013 geschieht. Wenn wieder das Provinzielle siegt, leben wir weiter ohne Substanz. Wir sind bereits auf dem schlechten Weg, ganz Österreich zu Kärnten zu machen. Haider verteilt das Geld links und rechts - inzwischen hat er das Tafelsilber von Kärnten verkauft. Dann die verheerende Einstellung gegenüber arbeitenden Ausländern, die nicht nur die FPÖ, sondern auch die ÖVP an den Tag legt. Das wird uns allen auf den Kopf fallen. Das ist eine echte Verdummungsmaschinerie, die da läuft.

STANDARD: Klingt nicht danach, als ob Sie sich weitere fünf Jahre Oppositionsbank antun würden.

Van der Bellen: Wieso? Volksverdummung hat mich immer schon bis aufs Blut gereizt. (Nina Weißensteiner/DER STANDARD-Printausgabe, 4. September 2008)

  • Was Alexander Van der Bellen bis heute an Wahlkämpfen irritiert: ...
    foto: cremer

    Was Alexander Van der Bellen bis heute an Wahlkämpfen irritiert: ...

  • ... "Bis zum 28. September ...
    foto: cremer

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  • ... kommt man sich vor wie bei einem Pferderennen."
    foto: cremer

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