Führungsdebatte hinter Molterers Rücken

3. September 2008, 17:35
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Der lahme Start in den Wahlkampf und der uneindeutige Ausgang der TV-Duelle bescheren der ÖVP eine Obmanndebatte, in der keiner offen zu sagen wagt, was Sache ist

Wien - Aufatmen in der ÖVP: Ihr Obmann Wilhelm Molterer schnitt am Dienstag in der TV-Konfrontation gegen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache nicht so schlecht ab wie zuvor gegen BZÖ-Chef Jörg Haider. Aber vielleicht atmen nicht alle auf. In der Umgebung von Umweltminister Josef Pröll wird auf das Jahr 2006 verwiesen, in dem der damalige Parteichef Wolfgang Schüssel im TV-Duell gegen Strache eben Pröll den Vortritt ließ. „Strache in die Seile geschickt", titelte damals der Kurier. Mit seiner Aussage, die FPÖ sitze im „Hooligan-Sektor", sorgte Pröll für Aufregung und Punkte.

Schon damals wurde Josef Pröll in den Medien als „Kronprinz" und schwarze Nachwuchshoffnung tituliert. Das ist er bis heute. Die Nachfolge von Schüssel hat zwischenzeitlich aber Molterer übernommen. Und an dessen Führungsqualitäten wachsen auch parteiintern Zweifel - ausgerechnet im Wahlkampf. Offensichtlich nehmen etliche Funktionäre in der ÖVP die Wahl bereits als verloren hin. Und es wird spekuliert, was in diesem Fall passieren würde: Gewinnt die SPÖ mit deutlichem Abstand, dann würden Molterer als Parteiobmann und Schüssel als Klubchef zurücktreten. Pröll käme zum Zug.

Gewinnt die SPÖ, aber nur knapp, könnte die ÖVP probieren, dennoch das Kanzleramt zu übernehmen: mithilfe einer Koalition mit FPÖ und BZÖ. Das erzählt man sich. Gerne auch in der SPÖ, aber auch in ÖVP-Kreisen ist diese Variante nicht ganz unbekannt.

Gewinnt die ÖVP, dann ist ohnedies alles klar, dann bleibt Molterer der Chef und Pröll weiterhin der unbedankte „Kronprinz". Eine große Koalition mit Werner Faymann und Josef Pröll an der Spitze findet aber in beiden Parteien viele Anhänger. Mit Pröll könnte man auch im Raiffeisen-Konzern gut leben. Dessen Chef Christian Konrad hat aus seiner Abneigung gegen Schüssels schwarz-blaue Koalition nie ein Hehl gemacht. Sollte das Wahlergebnis stimmen, wolle man eine große Koalition Pröll/Faymann. Oder eben Faymann/Pröll. In der ÖVP, unter deren Parteigängern der Unmut über den Wahlkampf wächst, wird das nicht offen kommentiert. Fest steht jedenfalls, dass Molterer Spitzenkandidat bis zur Wahl bleibt und alle sich bemühen, eine Obmann-Debatte hintanzuhalten - sie wäre Gift für die Motivation der Funktionäre.
Dass es in der Partei brodelt und die Wahlkampf-Performance mit den als verunglückt beurteilten Plakaten intern heftig kritisiert wird, dementieren aber selbst Partei-Insider nicht, sie sprechen vom „erdenklich schlechtesten Wahlkampf", zu dem vor allem die Landesparteien auf Distanz gehen.


Ältere fühlen sich an den verunglückten „Blumen-Wahlkampf" 1979 erinnert, in dem der ÖVP-Manager Kurt Bergmann einen „neuen Frühling für Österreich" versprach - Josef Taus hatte damit keine Chance gegen Bruno Kreisky. Vor allem die Aktivitäten oder - so werden sie mehr empfunden - Nichtaktivitäten der Bundespartei sorgen für Irritationen, und viele warten eigentlich nur noch darauf, dass Klubobmann und Ex-Parteichef Wolfgang Schüssel „Zug hineinbekommt". Schüssel trifft in diesen Tagen gruppenweise Bürgermeister, um diese zu motivieren - und Pröll lässt sich von der niederösterreichischen Landespartei seines Onkels Erwin feiern - mit einem großen Geburtstagsfest am Samstag nächster Woche. (cs, gra, nim, völ/DER STANDARD-Printausgabe, 4. September 2008)

  • In der ÖVP wird bereits diskutiert: Bei welchem Ergebnis würde Molterer gehen? Und würde Schüssel mit ihm gehen? Dann wäre der Platz für Josef Pröll frei.
    foto: fischer

    In der ÖVP wird bereits diskutiert: Bei welchem Ergebnis würde Molterer gehen? Und würde Schüssel mit ihm gehen? Dann wäre der Platz für Josef Pröll frei.

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