Zensurbalken und goldener Winkel

3. September 2008, 16:59
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Der Stoff, aus dem Operetten sind: Hrdlickas "Wiener Blut" - ein Buch, das zu erregen wusste

 

Sogar "Pornojäger" Martin Humer wurde auf den Plan gerufen: "Wir wollen ihn bitten, uns anzuzeigen" , erklärte Günther Nenning 1973, kurz nachdem er und Alfred Hrdlicka mit ihrer Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft im Jugendgerichtshofs baden gingen. Aber auch Humer, vom den seit seiner Sprüh- und Federattacke auf Markus Lüpertz' Mozartskulptur 2005 nichts mehr zu hören ist, biss nicht an. Stattdessen erwies ein pensionierter Wiener Schulmann die Gefälligkeit.

Zum Prozess gegen den "Professor" und den "Antipornogesetzler und Obergewerkschafter", wie die damalige Presse Nenning abschätzig titulierte, kam es trotz des großen Bemühens allerdings nicht. Aber damit wären wir eigentlich schon am Ende der Geschichte, die in ihrer Mitte aktionistisch und unkonventionell eine "Diskussion über ein Gesetz in Gang bringen (wollte), das eine Schande für Österreich ist". An ihrem Anfang stand die Verurteilung des Wiener Buchhändlers Wilhelm Herzog wegen Verstoßes gegen das Pornografiegesetz. Er fasste drei Monaten Kerker aus - bedingt.

Biedermeier-Erotikon

Herzog hatte eine mehr als hundert Jahre alte private Sammlung von Liedtexten und Zeichnungen unter dem Titel Wiener Blut herausgegeben. In Deutschland wurde das "Biedermeier-Erotikon" , aber problemlos vertrieben. Was Nenning und Hrdlicka ärgerte, war, dass "das sogenannte ,Pornographiegesetz‘ dem Staatsbürger keinerlei konkreten Anhalt gibt, wann er gemäß diesem zum Verbrecher wird und wann nicht."
Aus Empörung "über ein Gesetz, dass auf solche Weise dem Rechtsstaat Hohn spricht", fertigte Hrdlicka einen das Gesetz kommentierenden, zynischen Zyklus von 16 Farbradierungen, den er ebenfalls Wiener Blut nannte. Nenning übernahm den zweiten Provokationsakt und veröffentliche Teile in seinen Zeitschriften Forum und Neue Freie Presse. Dann folgte die erfolglose, von der Staatsanwaltschaft bald zurückgelegte Selbstanzeige: "Wir sind nicht in der Lage, vor Verwirklichung unserer Tat abzuklären, ob wir ein Verbrechen begehen oder nicht. Daher erstatten wir Anzeige gegen uns selbst."

In der Ausstellung im Künstlerhaus erinnern nun jene 16 Farbradierungen, die auf dem Weg zum Propyläen-Verlag vom Zoll am Berliner Flughafen Tempelhof als "Pornografie" konfisziert wurden, an die Provokation des streitbaren Hrdlicka. Als erheiternder Ratgeber zur Umgehung der Gesetzgebung lesen sich die Blätter, die etwa darauf anspielen, man könne bei der Darstellung des Akts die Geschlechtsteile weglassen oder am besten gleich "sichtbar entfernen". Karikaturen, die die Kraft der Symbole beschwören, über den goldenen Winkel aufklären und die Grenzen ausloten: "Muss Pornographie schön sein?"

Dass die Grenzziehung zwischen Kunst und Pornografie nach wie vor Schwierigkeiten bereitet, zeigen immer wieder auflodernde Diskussionen. Andres Serrano etwa heizte die Debatte zur Serie A History of Sex (1997), die Sadomasochismus und Sodomie darstellt, selbst an, indem er sagte: "Kunst ist teurer als Pornografie." Auch Arbeiten von Hrdlicka selbst gereichen immer noch zum Skandal. Erst im Frühsommer wurde seine homoerotische Abendmahlszene wegen des Vorwurfs von Blasphemie und Pornografie aus dem Dommuseum entfernt. Aber nicht immer sind die Erregungen nur bürgerlicher, kirchlicher und medialer Natur: Das Ausstellen einer Abbildung eines delikaten Kunstwerks von Jeff Koon in einem Glaskasten im öffentlichen Raum hatte dem Bregenzer Künstler Gottfried Bechtold 2001 auch Ärger mit der Justiz eingebrockt. Erst nach Monaten wurde das Verfahren gegen ihn wegen des Verstoßes gegen das Pornografiegesetz eingestellt. (kafe, SPEZIAL/DER STANDARD/Printausgabe, 04.09.2008)

 

 

Hrdlicka diskutiert: Nachtmahl mit Gysi und Lafontaine

"Der Kapitalismus, das muss man feststellen, hat versagt. Viele Menschen verhungern, die Umwelt geht vor die Hunde" , sagte Hrdlicka. Und: "Ohne den Glauben daran, dass sich die Welt verändern lässt, kann man ja gleich einpacken" , gibt sich Hrdlicka mit achtzig Lenzen immer noch kämpferisch.

Der selbsternannte "Uralt-Stalinist" , der von sich sagt, er habe Gysi und Lafontaine zusammengebracht, diskutiert am 10. 9. (18.30 Uhr) mit Jan Tabor zum Thema "Kunst und politischer/gesellschaftlicher Auftrag": Wo bleiben in Zeiten, da sich Kunst als verkaufbare, modische Ware inszeniert, die vehementen politischen Stellungnahmen der Künstler?
Braucht es den Künstler als gesellschaftspolitischen Seismografen überhaupt noch? Tags darauf (11. 9., 19.00 Uhr) liest Julian Loidl Texte von Alfred Hrdlicka: "Über Kunst und das Leben".

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