Nachgefragt: Dieter Brosz (Grüne)

3. September 2008, 15:05
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Sportsprecher für klare Konzepte, Jugendförderung und Schwerpunktbildung im Spitzensport

Standard: Befürworten sie eine Zusammenlegung der drei Dachverbände ASKÖ, SPORTUNION, ASVÖ?

Brosz: Nein, das wäre auch unrealistisch.

Standard: Befürworten sie eine Konzentration der Fördermittel auf medaillenträchtige olympische Disziplinen?

Brosz: Ich befürworte eine stärkere Unterstützung jener Verbände, die mit klaren Konzepten arbeiten, Jugendförderung betreiben und somit auch erfolgreich sind. Wer öffentliche Mittel erhält, ist auch Rechenschaft schuldig. Im Bereich der Spitzensportförderung wird ein kleines Land wie Österreich Schwerpunkte setzen müssen, wenn es auch bei olympischen Spielen erfolgreich sein will.

Standard: Ist es sinnvoll, die Sporterziehung auf Sieg und Leistungsoptimierung zuzuschneidern?

Brosz: Nein, Kinder und Jugendliche sollen in den Schulen in erster Linie zu Bewegung und Sport motiviert werden. Talente müssen aber gefördert und, wenn sie es wollen, auch zum Spitzensport hingeführt werden.

Standard: Befürworten sie eine Neuverteilung der Fördermittel, da der Fußball derzeit zu viel aus den Lotto-Mitteln erhält?

Brosz: Ja. Der Verteilungsschlüssel resultiert noch aus der Zeit, als die Haupteinnahmen für die Sportförderung aus dem TOTO-Geschäft kamen. Ich möchte vor allem endlich wissen, wofür die Mittel konkret verwendet werden.

Standard: Befürworten sie ein Berufsbild Sportler und eine Lehrlingsausbildung Sport, ähnlich der in England?

Brosz: Ja, Sport wird immer mehr zu einem Wirtschaftsfaktor. Viele Jugendliche interessieren sich für den Sport. Eine qualitativ hochwertige Ausbildung, die Berufschancen eröffnet ist zu begrüßen.

Standard: Befürworten sie die tägliche Turnstunde? Oder zumindest die Vermehrung der schulischen Bewegungseinheiten, im berufsbildenden Zweig findet ja bis heute null Bewegungsunterricht statt?

Brosz: Ganz klar ja. Erst vor wenigen Tagen hat der Rechnungshof nachgewiesen, dass durch die Sparmaßnahmen die „Bewegung und Sport"-Stunden gekürzt wurden. Ich halte viel von einer stärken Kooperation der Schulen mit Vereinen. Dafür sollten auch Budgetmittel zur Verfügung gestellt werden.

Standard:Befürworten sie eine stärkere Kontrolle des (autonomen) Sports durch die Politik?

Brosz: Ja zur Autonomie - ja zur Kontrolle. Das müsste auch im Interesse der Verbände sein. Leider sind die Informationen, die wir Parlamentarier über die Verwendung der Mittel aus dem Bundesbudget erhalten nach wie vor unzureichend. Kontrollinstanzen werden noch immer von den Fördernehmern beschickt. Das muss abgestellt werden.

Standard: Ist die Anzahl der Medaillen und allgemein das Abschneiden bei Olympia ein aussagekräftiger Wert für die Leistungsfähigkeit des österreichischen Sports?

Brosz: Die Anzahl der Medaillen weniger, das allgemeine Abschneiden schon eher. Auf jeden Fall kann man aus den Ergebnissen und der Anzahl der teilnehmenden SportlerInnen ablesen, in welchen Verbänden professionell gearbeitet wird und wo es massive Probleme gibt.

Standard: In Österreich fehlen, vor allem in Wien, Sportstätten, überwiegend Hallen. Was würden sie dagegen unternehmen?

Brosz: Einerseits Hallen errichten - Stichwort Schwimmhallen - andererseits auch bestehende Infrastruktur besser nutzen. Die Nutzungsmöglichkeit von Turnsälen in den Schulen ist nach wie vor beschränkt. Sie müssen außerhalb der Unterrichtszeiten auch am Abend, an den Wochenenden und während der Ferien genutzt werden können. Gerade Schulneubauten bieten die Gelegenheit auch Trainingsmöglichkeiten für SpitzensportlerInnen mit einzuplanen.

Standard: Warum wird der Sport nicht stärker propagiert - als Prävention, als Sparmaßnahme in der Krankenversicherung?

Brosz: Ich finde, dass die präventive Wirkung des Sports schon wesentlich stärker im Bewusstsein verankert ist, allerdings dürfte die Schere zwischen gesundheitsbewussten FreizeitsportlerInnen und den „couch potatos" größer werden. Wichtig ist, dass hier nicht mit dem erhobenen Zeigefinger agiert wird, sondern die Motivation für sportliche Betätigung gefördert wird.

Standard: Befürworten sie die Kriminalisierung und strafrechtliche Verfolgung von Doping-Sündern und deren Helfern?

Brosz: Für SportlerInnen stellt eine Sperre und somit ein Berufsverbot ohnehin die schwerste Strafe dar. Das reicht aus. Eine verstärkte strafrechtliche Verfolgung der Hintermänner des organisierten Dopings ist aber sinnvoll und notwendig.

Standard: Sollen im ORF mehr Randsportarten berücksichtigt werden? Und weniger Fußball und Ski, oder mehr davon? Ist im ORF zu viel/zuwenig Sport im Programm?

Brosz: Es bringt nichts, dem ORF verpflichtende Quoten vorzuschreiben. Der ORF wird sich zu Recht auch nach dem Publikumsinteresse richten. Die Fußballberichterstattung über die Bundesliga beschränkt sich - abgesehen vom Sonntagsspiel - schon auf ein paar Spielszenen. Das ist für viele Fans unzureichend. Ich halte es aber für gut, dass auf dem Spartenkanal ORF Sport plus auch andere Sportarten gesendet werden.

Standard: Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Medien (Zeitungen, ORF) und Sportverbänden und -vereinen.
Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Glücksspielmonopol und Sport, siehe Stickler, tipp3-Liga?

Brosz: Ich weiß, dass bei weniger prominenten Sportarten oft Produktionskostenbeiträge bezahlt werden müssen, damit überhaupt eine Berichterstattung erfolgt. Das ist inakzeptabel. Abhängigkeiten und Interessenskonflikte sind generell problematisch. Das gilt selbstverständlich auch für den Sport. Fairerweise muss man aber sagen, dass die Lotterien keinen direkten Einfluss auf die Vergabe der Sportfördermittel haben. Der Schlüssel wird per Gesetz festgelegt.

Standard: Sollte Sportsponsoring steuerbefreit sein?

Brosz: Eine bessere steuerliche Absetzbarkeit ist zu befürworten, wenn gemeinnützige Sporteinrichtungen gesponsert werden. Ich sehe aber nicht ein, wieso die Verwirklichung mancher Bubenträume steuerlich gefördert werden sollen. Wenn sich ein Herr Stronach oder ein Herr Trenkwalder einbilden, in der Provinz einen Profiklub halten zu müssen, steht ihnen das natürlich frei. Eine Steuerbefreiung hielte ich hier aber für nicht vertretbar.

Standard: Umweltschonender Tourismus - wie stehen sie zum Ausbau der Gletscher, zum Mountainbiking, zum Tourenskilauf?

Brosz: Es müssen ja nicht gerade die Gletscher sein. Angesichts des Klimawandels wäre es auch wirtschaftlich nicht zu empfehlen, in Gletscherregionen verstärkt zu investieren. Sanfter

Standard: Tourismus, der vermehrt Sport- und Bewegungsangebote enthält, wird aber in der Zukunft mit Sicherheit zu einem noch wichtigeren Wirtschaftsfaktor.

Brosz: Sollte das Sportwettengeschäft zur Finanzierung des Sports herangezogen werden?

Standard: Ja. Es ist nicht einzusehen, dass hier eine Branche vom Sport lebt ohne einen entsprechenden Beitrag zu leisten.

Brosz: Wie kann man die Integration durch Sport (Park-Käfige, Vereine, Integrationsfiguren wie Jukic) fördern?

Standard: SpitzensportlerInnen wie Mirna und Dinko Jukic oder Fussballer wie Ümit Korkmaz tragen durch ihre Leistungen und vor allem ihr Auftreten an sich dazu bei, dass fremdenfeindliche Einstellungen in Frage gestellt werden. Bestehende Hürden müssen abgebaut werden. Es ist völlig unverständlich, wenn junge Fussballer, die jahrelang im Nachwuchsbereich problemlos spielen konnten, beim Übertritt in den Erwachsenenbereich auf einmal Schwierigkeiten bekommen, weil sie keine österreichische Staatsbürgerschaft haben und unter eine Ausländerbeschränkung fallen.

Brosz: Wie stehen sie zu Beschränkungen für die Werbung, die sich beispielsweise bei Coca Cola über Sportler direkt an Kinder richtet?

Standard: Ich halte gesetzliche Beschränkungen für schwer umsetzbar. Wo sollte die Grenze gezogen werden, soll eine Werbung für Knabbergebäck oder für Süßigkeiten generell verboten werden? SportlerInnen sollten sich aber überlegen, wofür sie ihren Namen hergeben. Gerade bei den großen Idolen ist es nicht notwendig, jeden Werbeeuro anzunehmen, egal für welches Produkt geworben wird. (Johann Skocek, Der Standard, Printausgabe, Donnerstag, 4. September 2008)

 

 

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