Tanz und Traum im Farbenrausch

3. September 2008, 12:26
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Warum indische Filme auch bei einem Hollywood-geprägten Publikum funktionieren

Viele Menschen realisieren heute, dass es neben Hollywood weitere Filmindustrien gibt, die weltweit markttragend sind: Indien produziert mehr Filme als die USA - und erreicht weltweit ein größeres Publikum. Das ist eine spannende Erkenntnis und macht neugierig.

Seit 2005 wird Bollywood im deutschsprachigen Raum über Fernsehen, Kino und im DVD-Verkauf vermarktet. Vor allem im DVD-Bereich gab es tatsächlich einen Boom, das Angebot stieg im Laufe des Jahres 2006 so stark, dass schon von einer Marktübersättigung die Rede war.

Freundliches Unverständnis für die "knallbunten Liebesschnulzen" ist als Reaktion auf meine Forschung keine Seltenheit. Eine Frage kommt besonders oft: Was charakterisiert den typischen Bollywoodfan? Den gibt es nicht.

Anhand von Umfragen oder Quoten könnte man Durchschnittsmenschen ermitteln, die in der Realität gar nicht existieren. Was den Fans aber gemeinsam sein dürfte, ist ein Minimum an emotionaler Neugier, Faszination für das Fremde und: Sitzfleisch.

Gefühle erforschen

Ein Zauberwort ist in diesem Zusammenhang "Ambiguitätstoleranz", das Zulassen von Schwellenzuständen. Es bedeutet, sich in die fremde Filmwelt einzulassen und beispielsweise angesichts weinender und tanzender Männer in rosa Hemden die Ruhe zu bewahren und dieser Film-Erfahrung eine Chance zu geben.

Bollywoodfilme unterscheiden sich von "westlichen" so grundsätzlich, dass sich leicht Bücher darüber füllen lassen. Sie sind, wenn man europäische Fans fragt, eine erfrischende Abwechslung.

Bollywood-Film-Liebhaber gaben bei einer Onlineumfrage im Jahr 2006, an der rund 1000 Personen teilnahmen, zudem besonders häufig an, dass sie über die Filme "Einblicke in die fremde Kultur" und die "Mythologien und Traditionen" bekommen. Das Kennenlernen der fremden Bildsprache und der kulturellen Codes macht Spaß. Je mehr Filme gesehen werden, desto fitter wird man und desto mehr kann heraus gelesen werden.

Erwartungshaltungen und Emotionen werden kulturell ganz unterschiedlich erzeugt. Das europäische Publikum hat eventuell weniger Verständnis für die emotionale Ausführlichkeit und den Pathos, den viele indische Filme geradezu zelebrieren.

Im indischen Film sind Muttersöhnchen außerdem "cool", und Weinen ist erlaubt. Wir sind mit ganz anderen Leitbildern großgeworden.

Indien ist vielfältig

Erotik wird hier im Gegensatz zu Hollywood subtil dargestellt. Das Nichtgezeigte führt dabei zu einer hohen imaginativen Tätigkeit beim Zuseher. Bollywoodfilme spielen mit diesen Vorstellungen. Beim Sehen eines Films geht es um mehr als bloß um Unterhaltung, es geht auch um Bedürfnisse der Seele - zum Beispiel zu träumen, zu weinen oder zu lachen. Indisches Kino hat einen oft kathartischen, reinigenden Effekt auf die Zuseher.

Es wäre ein Fehler, von einem guten oder schlechten Bollywoodfilm, den man gesehen hat, auf die gesamte Filmindustrie zu schließen. Was mit dem Begriff "Bollywood" zusammengefasst wird, ist das Filmschaffen einer Nation, die eine sprachliche und kulturelle Diversität aufweist, die Europa um nichts nachsteht. Und: Auch Fans geben zu, sich durch manch einen indischen Film gekämpft zu haben. Mal wird man belohnt, mal nicht.

Die Serie "Wissen macht Worte" entsteht in Kooperation mit dem Wissenschaftsministerium und erscheint vierzehntägig. Auf "der Standard.at/Wissenschaft" kann der Text mittels Online-Votings bewertet werden. (Birgit Pesta/DER STANDARD, Printausgabe 03.09.2008)

Zur Person:

Birgit Pestal (28), geboren in Wien, studierte 1999 bis 2006 Publizistik-und Kommunikationswissenschaft sowie Kultur- und Sozialanthropologie. Neben wissenschaftlicher und wilder Forschung im Feld der Medienanthropologie ist sie als freiberufliche Journalistin (und seit 2007 ehrenamtliche Chefredakteurin bei "DIE MASKE - Zeitschrift für Kultur- und Sozialanthropologie" tätig. Ihre Diplomarbeit mit dem Titel "Faszination Bollywood. Zahlen, Fakten und Hintergründe zum Trend im deutschsprachigen Raum" ist im vergangenen Jahr als Buch beim Tectum Wissenschaftsverlag Marburg erschienen.

Webtipp:

www.diemaske.at

  • Bollywoodplakat in Agadir/Marokko (Juni 2007).
    Foto: privat

    Bollywoodplakat in Agadir/Marokko (Juni 2007).

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