derStandard.at-Interview: "Amerikanische Parteien sind reine Wahlkampfmaschinen"

3. September 2008, 15:03
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Politologe Greven über die schwangere Tochter der Vize-Kandidatin und warum Michelle Obama, im Gegensatz zu ihrem Mann, eine "richtige" Afroamerikanerin ist

McCain hatte keine andere Wahl, als den Parteitag auf das Notwendigste "einzudampfen". Von Fernsehbildern, die nacheinander den Hurrikan "Gustav" und die Republikaner in Feierlaune zeigen, hätte er sich "möglicherweise nie mehr erholt", sagt der Politikwissenschafter Thomas Greven im derStandard.at-Interview. Beim Parteitag der Demokraten hingegen hätte einfach alles gestimmt. Greven erklärt, warum Michelle Obama als "richtige" Afroamerikanerin im Gegensatz zu ihrem Mann ein gespaltenes Verhältnis zu Amerika habe, welche Auswirkung der Skandal um die schwangere Tochter von McCains Vizekandidatin hat und warum US-amerikanische Parteien nach der Wahl wieder Verschwiden.

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derStandard.at: War es richtig von McCain wegen des Hurrikans Gustav den Parteitag einzuschränken und damit auf hunderte TV-Sendeminuten zu verzichten?

Thomas Greven: Letztlich wird man das nur im Nachhinein beurteilen können. Ich glaube nicht, dass er eine große Wahl hatte. Das Timing war denkbar schlecht. Ein Auftritt von Bush und eine große Feier angesichts dieses neuerlichen Hurrikans in New Orleans hätte einfach alle Fernsehzuschauer und Kommentatoren an das Versagen der Regierung Bush erinnert. Die Strategie der Demokraten ist ja, McCain in die Tradition von Bush zu stellen. Das hätten die Demokraten weidlich ausgeschlachtet. Möglicherweise noch mit einem dümmlich grinsenden Bush am Rednerpult und gleichzeitig einer Wiederauflage der Katastrophe Katrina. Davon hätte sich McCain möglicherweise nie mehr erholt.

derStandard.at: Ist Sarah Palin als McCains Vizekandidatin ein Risiko (jung, wenig erfahren, schwangere 17-jährige Tochter) oder ein Trumpf (Stimmen der enttäuschten Hillary-Wähler, konservative Frauen)?

Greven: Einerseits ist die Nominierung dieser Kandidatin auch ein Eingeständnis eigener Schwächen. Man sagt ja, ein Vizekandidat soll so ausgewählt werden, dass er oder sie den jeweiligen Kandidaten ergänzt. Damit gibt man aber zu, dass man irgendetwas noch nicht abdeckt. Das ist zum einen das Alter: McCain wird ja oft als zu alt wahrgenommen. Das gleicht Palin gut aus. Andererseits betont sie dadurch noch mal, dass er so alt ist. Zum anderen hat McCain es bisher nicht verstanden, die christlich-konservativen Wähler zu begeistern. Das soll auch Palin übernehmen. Das zeigt auch wiederum, dass McCain dort eine Schwäche hat. Sie gilt da stramm auf Linie, diese Schwangerschaft ihrer Tochter kommt da natürlich ungünstig.

Die Stimmen der Frauen, die sich für Hillary Clinton begeistert haben, wird Palin nicht reinbringen. Das ist aber auch nicht die Kalkulation, denn das sind ja eher progressive Frauen.
Diese Frauen sind nicht Palins Zielgruppe, sondern die christlich-konservativen Wählerinnen und Wähler sollen überzeugt werden. Diese Gruppe ist von McCain nicht begeistert und von Bush enttäuscht. Eine stramm Konservative reinzuholen, war demnach der erwartete Schachzug.

Die Konservativen betonen auch immer ihre Familienwerte und dazu gehört natürlich auch eine gute Elternschaft. Da müsste man hier vielleicht Zweifel an den elterlichen Fähigkeiten von Sarah Palin anmelden. Aber auf der anderen Seite haftet diesem Vorwurf auch der Geruch von Sippenhaft an. Palin wird für etwas verantwortlich gemacht, dass sie selber nicht direkt zu verantworten hat. Man kann diese Dinge nicht verhindern. Da müsste man seine Kinder einsperren.

derStandard.at: Obama wird auch immer außenpolitische Unerfahrenheit vorgeworfen? Kann das Thema Außenpolitik wahlentscheidend sein?

Greven: Nein im Regelfall nicht. Nur in besonderen Krisensituationen. Wenn sich der „Kalte Friede" mit Russland verschärfen würde, dann würde das Thema wieder stärker in den Fokus rücken. Aber ansonsten nicht. Im Mittelpunkt stehen die Wirtschaftskrise, die Gesundheitskrise und die Immobilienkrise.

derStandard.at: Kann man nach einem Vergleich der beiden Parteitage den Schluss ziehen, Obama hat es besser gemacht?

Greven: Die Inszenierung war sicherlich glücklich. Es hat alles gestimmt. Die Clintons haben das ihrige dazugetan die Einheit, die unter der Wählerschaft sicher nicht da ist, zumindest am Parteitag zu simulieren. Michelle Obama hat relativ überzeugend die Vorwürfe, sie sei zu wenig patriotisch, aus dem Spiel genommen.

Michelle verkörpert sozusagen die "richtigen" Afroamerikaner. Obama selber ist ja kein "richtiger" Afroamerikaner - in dem Sinne, dass er kein Abkömmling von Sklaven ist. Er ist nicht deswegen gemischt, weil irgendwann in der Vergangenheit ein Sklavenbesitzer seine Sklavin vergewaltigt hat, sondern wegen einer Liebesbeziehung. Das ist eine andere Kategorie.

Michelle Obama hat ein gespaltenes Verhältnis zur amerikanischen Nation - wie viele Afroamerikaner. Das kann man ihnen auch nicht vorwerfen. Die Weißen tun das aber unausgesprochen doch. Ganz platt gesagt, sind schwarze Amerikaner der wandelnde Vorwurf an weiße Amerikaner, dass sie in der Vergangenheit Verbrecher waren. Daran wollen Weiße nicht erinnern werden.

Michelle Obama musste ganz vorsichtig zurückrudern und sich als überzeugte Patriotin positionieren. Und auch ihre Rolle als zukünftige First Lady an die Erwartungen der Amerikaner anpassen. Sie ist eigentlich politisch radikaler als Obama. Sie hat jetzt aber das signalisiert, was von ihre erwartet wurde: Ich bin Patriotin und ich liebe meinen Mann. In dem Sinne hat bei dem demokratischen Parteitag alles gestimmt - bei dem republikanischen eben nicht.

derStandard.at: Werden sich die europäischen Wahlstrategen ein Vorbild an den US-amerikansichen Strategien nehmen? Gibt es auch Dinge, die nicht übernommen werden?

Greven: Ich glaube in Sachen Inszenierung von Parteitagen gibt es da ganz klare Grenzen. Hier würde eine Partei sich lächerlich machen, wenn sie versuchen würde ihren Parteitag so zu inszenieren, wie wir es derzeit in den USA sehen. Etwas was wir in etwas anderer Form aber auch in Europa erleben werden ist Datenbank-gestützte, zielgruppenspezifische Wahlwerbung. Die amerikanischen Wahlkampfteams wissen einfach sehr viel über das Wahlvolk und zwar nicht mehr nur wer in der Vergangenheit wie gewählt hat, sondern zum Beispiel, wer welche Zeitschriften bekommt. Daraus werden Rückschlüsse gezogen, wie diese Wähler anzusprechen sind. Das ist sehr viel genauer geworden und ich denke, dass wir davon auch das eine oder andere abbekommen werden.

derStandard.at: Welche Rolle spielen die Gewerkschaften in der Demokratischen Partei?

Greven: Die Demokraten sind keine Arbeiterpartei. Eine historische gewachsene Arbeitsteilung gibt es nicht. In einem Zwei-Parteien-System haben die Gewerkschaften keine Wahl: Weil es keine Alternative gibt, müssen sie sich für eine der beiden Parteien entscheiden. Und das tun sie im Regelfall für die Demokraten. Das ist sehr relevant. Die Gewerkschaften sind zwar nicht sehr stark, aber sie können ihre Leute mobilisieren. In den "Union Households" (so wird ein Haushalt bezeichnet, in dem mindestens eine Person Gewerkschaftsmitglied ist) stimmen 60 Prozent für die Demokraten. Die Stimmen dieser Haushalte sind das demokratischen Äquivalent zu den christlich-konservativen Wählern der Republikaner. Die Stimmen aus den "Union Households" machen ein Drittel der demokratischen Stimmen aus.

derStandard.at: Aber es ist nicht so, dass die Gewerkschaften innerhalb der Demokraten verankert sind und auch die Parteilinie zum Teil mitbestimmen?

Greven: Nein. Die amerikanischen Parteien sind nicht wie europäische Parteien. Es gibt amerikanischen Parteien außerhalb der Wahlzyklen eigentlich nicht. Amerikanische Parteien sind reine Wahlkampfmaschinen. Sie dienen nur dazu, für Politiker die Wahl zu schlagen. Es gibt nicht in der gleichen Weise wie in Europa diese Gremienarbeit und bürokratische Strukuren, in die man eingebunden sein könnte. (mka, derStandard.at, 3.9.2008)

 

Zur Person: Thomas Greven lehrt am John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin. Seine Schwerpunkte sind unter anderem US-Innenpolitik, Vergleichende Politikwissenschaft und Gewerkschaften und Industrielle Beziehungen.

  • "Michelle verkörpert sozusagen die "richtigen" Afroamerikaner. Obama
selber ist ja kein "richtiger" Afroamerikaner - in dem Sinne, dass er
kein Abkömmling von Sklaven ist", sagt der Politologe Thomas Greven.
    Foto: AP Photo/Alex Brandon

    "Michelle verkörpert sozusagen die "richtigen" Afroamerikaner. Obama selber ist ja kein "richtiger" Afroamerikaner - in dem Sinne, dass er kein Abkömmling von Sklaven ist", sagt der Politologe Thomas Greven.

  • Greven: "Es gibt amerikanischen Parteien außerhalb der Wahlzyklen eigentlich nicht."
    Foto: Privat

    Greven: "Es gibt amerikanischen Parteien außerhalb der Wahlzyklen eigentlich nicht."

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