Analyse: Heinz-Christian Strache (FPÖ) - Wilhelm Molterer (ÖVP)

3. September 2008, 09:21
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Tatjana Lackner, Politiker-Profilerin und Direktorin der Schule des Sprechens, analysiert für den Standard die politische Rhetorik der TV-Konfrontationen

Kommunikationsblockaden und Seitenhiebe waren bei diesem TV-Duell hoch im Kurs. Die Moderatorin geriet schon bald in die Rolle der Mediatorin. Zwischen Oberlehrer Molterer und dem verhaltensauffälligen Schüler Strache vermittelte es sich nicht immer leicht.
14 Jahre liegen zwischen den beiden Spitzenkandidaten, das war besonders bei den unterschiedlichen Argumentationsarten spürbar: Strache setzte immer wieder auf Emotionalisierung. Sachliche Argumente wurden mit "basic instincts" und Vorurteilen überlagert.

Der ÖVP-Politiker - der nach eigenen Angaben vom Demokraten JFK "geprägt" wurde und mit Eigenlob nicht sparte - arbeitete mit der Taktik des goldenen Mittelweges: "Keine linken Träumer, keine rechten Hetzer!" An Killerphrasen und Polemik mangelte es nicht. Strache: "Sie machen einen Pflegepfusch nach dem anderen" oder: "Wollen Sie FPÖ-Bewerber werden?" Molterer: "Da sind sie zu jung!" oder auch: "Sie sind vergangenheitsbezogen."

Körpersprachlich war der FPÖ-Kandidat durchwegs aggressiver unterwegs: demonstrative Blicke auf die Uhr, Fingerzeigen auf das Gegenüber, polemisches Grinsen. Dem Schnelltexter Strache würde eine "Rede-Diät" an vielen Stellen zu mehr Gelassenheit verhelfen. Dem anderen so oft ins Wort zu fallen macht unbeliebt - nicht nur bei der Diskussionsleiterin. Der FPÖ-Chef litt an Hals- und hörbaren Schluckproblemen, was sein Redetempo nur marginal drosselte.

Immer wieder versuchte Molterer mit einem Verantwortungsargument zu punkten: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Da, wo wir direkte Verantwortung tragen, tun wir das." Strache drehte diese Strategie jedoch schneller ab, als dem Finanzminister lieb war. Neben Anbiederungen und Petze an Thurnher ("Herr Strache hat Ihre Frage nicht beantwortet") waren bei Molterer nicht alle Sätze inhaltlich nachvollziehbar. "Ja, ich sage nicht zu allem Ja. Ich sage auch nicht Ja." Der streng erhobene Zeigefinger half hier dem Zuseher auch nicht weiter.

Der Vizekanzler bediente sich im Duell gerne verschiedener Erfahrungsargumente: "Ich gehe dorthin, wo die Menschen sind." - Volksnähe wird zur Wahlkampfwaffe. Von der Moderatorin nach frauenpolitischen Maßnahmen gefragt, wurde es dann bei beiden Kandidaten sprachlich unfreiwillig komisch: Strache wählte mit "Wenn ich mir heute Frauen hernehme ..." die Worte unglücklich. Molterer legte Wert auf: "Gleichheit an den Unis bei den Assistenten." (DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2008)

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