Politiker "kapieren das Internet noch nicht"

2. September 2008, 19:33
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Abseits des offiziellen Wahlkampfes ist im Internet eine neue Bewegung entstanden - Politiker lassen die Chance liegen, sagen Netzexperten

Wien - Wahlkampf im Internet: eine von den österreichischen Parteien noch immer nicht wirklich genutzte Kommunikationsebene.

"Es ist interessant zu beobachten, wie die Parteien verzweifelt versuchen, mit etwas umzugehen, das sie halt nicht kennen. Und dabei scheitern. Bemerkenswert, wie etwa ein Herr Molterer im Internet agiert, auf Fragen nicht antwortet, weil er das Medium Internet nicht wirklich kapiert. Das Gleiche gilt aber auch für die Grünen und die SPÖ", sagt Max Kossatz, der vor Monaten wahl08.wissenbelastet.com eingerichtet hat. Kossatz' Internetseite bietet einen Filter auf so ziemlich alle Meldungen rund um die Wahl: News, Blogbeiträge, Twittermeldungen, Forenbeiträge samt aktueller Screenshots der Parteienwebseiten. Zudem gibt es Links zu Youtube-Beiträgen mit zum Teil recht heftigen Satire-Produktionen über die Spitzenkandidaten. Kossatz - er treibt sich, wie er sagt, seit 1989 im Internet herum - ist auch beruflich in der Internetbranche tätig, und er ist fest überzeugt: Die Politik lässt hier eine historische Chance aus, "weil sie noch nicht in der Lage ist, im Internet authentisch zu agieren". Beispiel: Kritische Beiträge von Usern auf Parteien-Homepages würden meist gnadenlos gelöscht.

Aus sehr persönlichen Motiven gründete Dieter Zirnig seine Seite Neuwal.com. Zirnig: "Ich wollte mich zuerst nur informieren, was ich eigentlich wählen sollte, ich habe überall Informationen gesucht." Vor eineinhalb Monaten habe er "Neuwal.com" gegründet.

Zirnig, er ist hauptberuflich ebenso im Internetsektor tätig, hat sich inzwischen zum Reporter und und Fotografen entwickelt. Er gestaltet mit einem Vier-Mann-Team nun eigene Beiträge und Interviews. Zirnig: "Es ist mein Nachtberuf geworden." Die Plattform soll auch nach der Wahl offenbleiben, als Politikforum mit dem Spezialgebiet Wahlen. Mit Kossatz' und Zirnigs Seiten ist in den letzten Monaten ein gutes Dutzend weiterer Blogs und Portale aufgemacht worden: Wahlbarometer.at etwa widmet sich den Wahlversprechen. Wahltotal.at arbeitet auf Videobasis. User können über Videos mit Politikern - falls sie antworten - kommunizieren. Politikblogs.at wiederum versucht eine Übersicht auf alle Weblogs und Podcasts rund um die Wahlen zu schaffen.

Politikwissenschafter Peter Filzmaier, der sich wissenschaftlich mit dem Themenkomplex Internet und Politik beschäftigt, hält diese regen politischen Aktivitäten im Internet "für gesellschaftspolitisch sehr interessant und erfreulich". Durch Verlinkungen mit den traditionellen Medien erreichen diese zum Teil noch exklusiven Foren durchaus breitere Wirkungen. Was die Politik noch zu wenig begreife. (Walter Müller/DER STANDARD-Printausgabe, 3. September 2008)

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