Illusion vom grünen Musterland

02. September 2008, 19:15

Die Österreicher überschätzen ihre Umweltqualität - die Politik übt sich im Nichtstun - Von Conrad Seidl

Als sich Österreich vor 20 Jahren anschickte, Mitglied der Europäischen Gemeinschaft zu werden (die EU entstand erst Jahre später aus dieser Gemeinschaft), gab es massive Bedenken dagegen - und einer der populärsten Einwände lautete: Wenn Österreich erst einmal in diesem größeren Europa landet, dann wird unsere wunderbare (eben erst durch die Verhinderung der Kraftwerke Zwentendorf und Hainburg sowie den Einzug der Grünen ins Parlament gerettete) Umwelt zerstört.

Österreich ist diesen Bedenken zum Trotz der EU beigetreten - sein Selbstverständnis hat sich aber nicht geändert: Die Mehrheit der Österreicher hält die Umweltsituation daheim für gut - die Schönheit und Unberührtheit der Landschaft ist in allen Umfragen zum Nationalstolz regelmäßig ganz vorn - und die Welt draußen für ganz schlimm und schmutzig. Und dafür, dass das alles so bleibt, ist der Umweltminister zuständig; und natürlich die Grünen im Parlament.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Österreich war schon damals kein Umweltmusterland - und es hat sich von diesem Status immer weiter entfernt, ohne dass das der Bevölkerung aufgefallen wäre. Die hat zwar registriert, dass es inzwischen 737 Klimabündnis-Gemeinden gibt - sie hat aber durch ihre persönlichen Kaufentscheidungen gleichzeitig dazu beigetragen, dass die Mehrwegquote bei Getränkeverpackungen in nur einem Jahrzehnt von 72 auf 25 Prozent gesunken ist.

Sie hat sich - mit einiger Berechtigung und immer wieder von Medien und Politik dazu ermuntert - über Betrieb und Ausbau des AKW Temelín empört; gleichzeitig aber haben dieselben Österreicher ihren Energieverbrauch (und damit die Treibhausgasemissionen) kräftig gesteigert, insbesondere im Verkehr.

Inzwischen ist es so weit, dass internationale Vereinbarungen - gerade auf EU-Ebene - die stärksten Triebkräfte dafür sind, dass in der Umweltpolitik überhaupt etwas weitergeht. Umweltschützer sehen neidvoll nach Deutschland, wo erneuerbare Energie deutlich kräftiger gefördert wird als hierzulande - und sie erleben staunend, wie Investitionen in alternative Kraftwerke ins benachbarte Ausland abwandern, weil sie sich dort einfach besser rechnen.

Österreich gefällt sich derweil darin, die Umweltsituation zu beschönigen. Der Preis dafür ist hoch: Da verpflichten internationale Abkommen dazu, die Umweltschutzziele wesentlich aktiver zu verfolgen. Widrigenfalls drohen Strafzahlungen.

Während leidenschaftlich darüber debattiert wird, ob das nun geplante einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld 60 Millionen Euro kosten darf, werden still und leise 531 Millionen Euro für Emissionszertifikate verplant, die nichts außer heiße Luft und ein beruhigtes Gewissen bringen.

Keine Frage: Umweltschutz muss uns etwas wert sein und darf ruhig etwas kosten. Aber für das eingesetzte Geld sollte es auch wirklich eine Umweltverbesserung geben.

Zum anderen bleiben jene Umweltthemen liegen, die durchaus im Handlungsbereich der österreichischen Politik lägen: Naturschutzpolitik ist nach wie vor Landessache (und entsprechend zersplittert, sprich: wenig effizient). Lärm, eines der nervigsten Umweltprobleme überhaupt, ist als Politikfeld allenfalls im Umfeld von Großprojekten wie Flughafenausbauten bewusst.

Auch hier lässt man sich lieber mit einem internationalen Vertragsverletzungsverfahren drohen anstatt zu machen, worauf die Bürger längst warten. Im Zweifelsfall kann man immer noch jammern, dass "Brüssel" an allem schuld wäre. Die Österreicher lassen sich ja alles Mögliche einreden. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2008)

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Natürliche Baustoffe statt anderem Schwachsinn!  
26.01.2009 00:29
Zertifizierungen für Baustoffe zb. Dämmstoffe finanzieren

Unsere Firma ( http://www.Emoton.at ) wird von den Geldern für die Hausdämmung wohl nichts bekommen, da der von den zuständigen Ministerien und Ländern inizierte und mitgetragene Zertifizierungswahnsinn für eine relativ kleine Produktpalette mal ganz locker 200.000,-€ beträgt. Würde für Ö. Unternehmen diese Zertifizierung bei positiver Erledigung mit zB. 1 monatiger Nachreichfrist finanziert, so müssten die Häuselbauer nicht deutsche Dämmstoffe kaufen. Ausweg: 1x wie so mancher Mitbewerber für ein Produkt zertifizieren und für alle anderen Produkte damit werben. Die großen Firmen sitzen in den Normungsausschüssen und bestimmen für ihre eigenen Normen mit. Das nennen ich Marktbereinigung der grossen Firmen. Bravo Musterland!!

resident alien
04.09.2008 03:45
blick von aussen - transit ohne ende

auf die gefahr hin das ich wieder von Dante Alighieri 'verbessert' werde (Kritik ist natürlich immer willkommen) möchte ich auf folgendes hinweisen: Österreiche hat die Alpenkonvention unterschrieben. Österreiche hat Natura 2000 adaptiert. Eines der grössten 'assests' die Österreiche hat ist die geographische Lage - durch den Transitroutenbau durch Österreich wird für die kommenden Generationen davon nichts mehr übrig bleiben. Abgesehen davon, das wir von uns selbst erstellte Auflagen nicht einhalten. Interessanter weise hat Österreich im Ausland wirklich den Ruf Vorreiter in Sachen Umweltschutz zu sein - Illusion vom grünen Musterland ist echt und erschreckend.

the hoxton fives
03.09.2008 18:29

bravo, ein überfälliger kommentar. hinzuzufügen wäre noch Qualität der Gewässer: vor dem EU-Beitritt 1995 war die miserabel, erst durch EU-STandards erreichten sie das heutige Niveau.

NONE
03.09.2008 18:19

Ich weiss nicht ob der gute Herr verwirrt ist, aber in den Gegenden wo ich wohne und arbeite hat sich eigentlich die Umweltsituation verbessert. Teilweise sogar radikal verbessert.

Das Kyoto-Protokoll halte ich für einen Fehler vor allem aufgrund des unnötigen Zertifikathandels der komplett abgeschafft gehört - auf lokaler Ebene aber gibt es (Protokoll hin oder her) beständig Verbesserungen.

Nik M
03.09.2008 18:19
Bravo! Vollkommen richtig!

Und bitte gleich den naechsten Artikel nachschieben "Illusion vom Muster-Sozialstaat"

Timagoras 
03.09.2008 17:59
in Österreich schaut das so aus:


"mir ham eh des Kyoto-protokoll unterschrieb'm - wos woin's denn noo?"

dass sich die Österreicher einfach nicht daran halten, dafür aber selbstgerecht mit dem finger auf die zeigen, die es nicht unterschrieben haben, ist eigentlich nur "folgerichtig" ;o)


david_und_martina
03.09.2008 14:32
naturschutz

Mit dem Kommentar tritt endlich auch einmal eine Stimme an die Öffentlichkeit, die die Mißstände im Umwelt- und Naturschutzbereich aufzeigt- höchste Zeit und weiter so.
Als reine Ergänzung zum Artikel kann man auch noch darauf hinweisen, dass Großsäugetiere wie Bär, Luchs, Wolf im "Naturparadies" Österreich keine Überlebenschance haben sondern noch vor der Neuetablierung abgeschossen oder andersweitig verdrängt werden.

Markus Sagmeister  
03.09.2008 13:46
Eigentlich

hat Österreich den Wandel vom Paulus zum Saulus geschafft. :-/

wolf_vienna
03.09.2008 13:24
3. Absatz

Ich weiß, dass Ö kein Umweltmusterland ist, aber nie im Leben hat sich die Mehrwegquote bei Getränkeverpackungen von 72 auf 25 Prozent verringert. Dagegen sprechen alle mir bekannten Statistiken der Glas- und Plastiksammlungen und auch meine persönlichen Beobachtungen. Selbst ich habe mein Recycling Jahr für Jahr verbessert und in jedem Container sieht man, dass immer mehr gesammelt wird.
In Bezug auf Getränkeverpackungsrecycling ist also dieser Artikel eine unglaubwürdiger Faux-pas.

Sogenet
03.09.2008 17:24
Und weil viele - so wie Sie - den Unterschied zwischen Mehrweg und Einweggebinden nicht kennen, sinkt die Rücklaufquote der Mehrwegflaschen immer weiter!

A la recherche de la Nouvelle Star
03.09.2008 17:12
mehrweg

mehrweg = wiederverwendet, also nicht im recyclingcontainer sondern im pfandautomaten...


recyclingcontainer = einweg (oder so wie ich, manchmal einfach zu faul wegen der paar cent zum supermarkt zurückzulaufen).

Dr Zoidberg
03.09.2008 17:04

Wieso wirfst du deine Mehrwegflaschen in den Container?

schmid joachim 
03.09.2008 16:32
MEHRWEG - EINWEG

wenn du bei containern mehr flaschen u dgl findest dann schliessen wir daraus:
1) dass das eine subjektive wahrnehmung ist, die wenn es wirklich so wäre davon zeugt, dass
2) einwegverpackungen vorwiegend in richtigen (?) gebinden landen.
wo ist da der MEHRweg?

wolf_vienna
03.09.2008 16:42
Solange täglich neue Container...

...für Plastik- und Glasflaschen aufgestellt und auch aufgefüllt werden, ist das für mich ein Schritt in die richtige Richtung, ich impliziere ja schließlich nicht das Fehlerhafte an den Mehrweggebinden!!

AlBundyFan
03.09.2008 16:12
achso - und wie willst du das anstellen?

wenn von den beim billa/spar/merkur etc. angebotenen getränkeflaschen 99,9% in plastik verpackt sind.

ich habe seit ca. 10 jahren keine cola, almdudler oder sonstiges-flasche mehr aus glas gesehen.

selbst bei mineralwasser findest du vielleicht 1 von 20 marken noch in einer glasflasche.

entweder warst du 15 jahre im koma und bist gestern aufgewacht und warst noch in keinem supermarkt oder du wohnst nicht in österreich

wolf_vienna
03.09.2008 16:39
Vorher lesen lernen,...

...dann erst schimpfen!

wolf_vienna
03.09.2008 16:39
Das streite ich nicht ab...

...aber das habe ich auch nicht impliziert.

Poldi Fesch1
03.09.2008 16:10
quatsch

es ist muehsam geworden, Mineralwasser in Glasflaschen zu erwerben, von "Kracherln" erst gagernich zu reden. Schau einfach aufs Einkaufswagerl neben dir, Plastik u. Dosen u. aus

Mucosaprolaps
03.09.2008 14:42

Das, lieber Wolf, ist AFAIK Wunschdenken. Anders formuliert: Wir brauchen endlich ein Pfand auf Dosen und Plastikflaschen.

mike sierra
03.09.2008 15:53

Pfand auf Plastikflaschen und Dosen ist riesiger Stumpfsinn.
Nur bei Glasflaschen ist die Neuproduktion um so viel energieintensiver, dass sich der Rücktransport, das Waschen usw. in der Energiebilanz rechnet.
Bei gebrauchten Plastikflaschen ist eine energetische Verwertung als Heizmaterial für Fernwärme möglich, wenn nicht so gar sinnvoller. Dies ist bei Glasflaschen überhaupt nicht möglich.

Stan the man
03.09.2008 18:20

da scheiden sich die geister - und ja die nicht allzu arme kunststofflobby leistet ganze arbeit....

Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is 
03.09.2008 17:26
auch aluminium

hat einen deutlich höheren energieverbrauch in der neuproduktion. es gehört zu den energieintensivsten produktionen überhaupt, weshalb solche werke in billigstromländern angesiedelt werden.

mikromaus
03.09.2008 11:21

Wenn der Staat nichts tut dann ändere ich halt mein Verhalten. Auf das Kasperletheater da oben kann man lange warten. Es gibt genug Alternative:
Induktionsherdplatte (max 1700 Watt) anstatt Elektroherd mit 6000 Watt. Kein 24h Warmwasser mehr dafür elektrischer Durchlauferhitzer wenn man warm Wasser braucht sowie Schamott Heizung für den Winter.
Leider ist der Ölpreis wieder gesunken und
gibt wenig anreitze zum Umdenken :(

HansPeter10
03.09.2008 16:55

Was ist eine Schamott Heizung ?? So ein Blödsinn !"

mikromaus
03.09.2008 19:22
Blödsinn ?

So ein Blödsinn zb
http://www.weno-elektroheizungen.de

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