Die rasche Abschiebung der Familie Grigorjan

2. September 2008, 18:56
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Armenier trotz ärztlicher Einwände in den Flieger nach Eriwan gesetzt: Laut Anwälten ein Fall unter vielen

Am Montag hatte sich Lusine, 14-jährige Tochter der armenischen Asylwerberfamilie Grigorjan, auf ihren ersten Schultag in der AHS gefreut. Am Dienstagvormittag musste sie - zusammen mit ihrem Bruder, ihrem Vater und ihrer Mutter - im Tiroler Ort Kössen unter Aufsicht von Fremdenpolizisten ihre Siebensachen zusammenpacken.

Um am Dienstagnachmittag nach Wien gefahren und am Dienstagabend in den Flieger nach Eriwan gesetzt zu werden: Eine Abschiebung nach zwei Jahren Leben in Österreich, kurzfristig angesetzt und durchgezogen von der Bezirkshauptmannschaft Kitzbühel.

Tatsächlich habe niemand von den Grigorjans in den vergangenen Tagen und Wochen geglaubt, dass die Außerlandesschaffung derart unmittelbar bevorstehe, sagt ihr Rechtsvertreter Tim Außerhuber vom Wiener Migrantinnenverein "St. Marx". Zwar seien im Asylverfahren alle beiden Instanzen ausgeschöpft gewesen. Doch immerhin habe man an die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck Anfang Juli per bestätigtem Fax einen "Antrag auf Feststellung der Unzulässigkeit der Abschiebung" gestellt.

Mitsamt einer "ärztlichen Bestätigung" der Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie, wonach Mutter Liana Grigorjan (44) psychisch angeschlagen ist. Sie leide an schweren Depressionen. Abschiebung und Rückkehr nach Armenien, wo die Familie als Angehörige der Zeugen Jehovas Repressalien ausgesetzt war, seien ihr daher "derzeit nicht zumutbar", bescheinigte ihr der behandelnde Psychiater.

Auf diesen Antrag erfolgte keine behördliche Reaktion. Laut Auskunft der BH Innsbruck scheint er, ebenso wie ein im Großen und Ganzen gleichlautendes Anwaltsschreiben von November 2007, in den Akten überhaupt nicht auf.

Amtsarzt: "Alle flugtauglich"

Nicht weiter überraschend also, dass der Amtsarzt, der die Grirgorjans in der BH Kitzbühel Dienstagmittag noch einmal in Augenschein nahm, den Fokus gar nicht auf die Feststellung allfälliger psychischer Probleme setzte: "Alle Familienmitglieder wurden auf ihre Flugtauglichkeit hin untersucht. Es kamen keinerlei Einwände auf", berichtete gegen 13 Uhr der dortige Bezirkshauptmann Christoph Hochenegg im Standard-Gespräch.Was jetzt weiter zu erwarten sei? "Die Grigorjans werden abgeschoben". Trotz ungeklärter offener Fragen? "Ich bin Jurist, kein Arzt", reagierte Hocheneck.

Die armenische Familie seien kein Einzelfall, kommentiert dies die Wiener Rechtsanwältin und Obfrau von SOS-Mitmensch, Nadja Lorenz. In den vergangenen Monaten komme es in ganz Österreich vermehrt zu solch zügigen Außerlandesschaffungen. (Irene Brickner, DER STANDARD; Printausgabe, 3.9.2008)

 

 

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