Bayreuth: Sehr ernste Seifenoper

2. September 2008, 18:53
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Das ganze Drumherum hat - Außenstehende zumindest - doch ziemlich fasziniert - von Ljubisa Tosic

Wer weiß. Vielleicht ist das Beste an der für Eva Wagner-Pasquier und Halbschwester Katharina so vorteilhaften Entscheidung, dass es einfach endlich überhaupt eine gab. So eigenartig sie zustande kam; so qualifiziert die anderen beiden, Nike Wagner und Gerard Mortier, zweifellos auch waren. Wir werden sehen. Andererseits: Das ganze Drumherum hat - Außenstehende zumindest - doch ziemlich fasziniert. Durch die Konflikte einer Familie, in die kein Mensch, der auf seelisches Gleichgewicht Wert legt, hineingeboren werden möchte, nahm alles die Form einer Seifenoper an, wodurch dem altehrwürdigen Festival quasi noch eine popkulturelle Schicht verpasst wurde, die das eigentliche Zielpublikum erweitert hat. Keine PR-Agentur brächte so ein wirksames Konzept zustande.

Wäre auch nicht nötig. Der alte Wagner ist selbst quasi ein Popstar ohne Ablaufdatum. Privat und politisch extrem wendig, hat er heutigen Stars skandalmäßig einiges vorgegeben. All das trägt wohl zur Attraktivität bei. Es wäre allerdings nichts ohne das Wesentliche, die Werke, die nun einmal nicht und nicht auf Desinteresse stoßen wollen und dazu führen, dass die Festspiele in der Regel alljährlich zehnfach überbucht sind. Tja. Da wäre aber noch die einst üble Verquickung von Festspielen und Nationalsozialismus. Wer immer in Bayreuth das Sagen hat, muss sich auch daran messen lassen, wie er mit dieser Zeit umgeht und auf der Bühne umgehen lässt. Allein dieser Aspekt rechtfertigt ein hohes Bayreuth-Interesse. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 9. 2008)

 

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