Fußball-Randale: Sicherheit auf Italienisch

2. September 2008, 18:36
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Peinlicher Treffer auf dem Gebiet der Sicherheit - 1500 gewalttätige Napoli-Tifosi stürmen einen Zug, verjagen die Reisenden, verletzen vier Eisenbahner - von Gerhard Mumelter

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi darf sich über gute Umfragewerte freuen. Die Müllmisere in Neapel ist beigelegt, Alitalia auf dem Weg zur Sanierung, das Immunitätsgesetz ohne lautstarke Proteste unter Dach und Fach. Umso schwerer wiegt das unerwartete Eigentor, das die Regierung zum Auftakt der Fußballmeisterschaft hinnehmen musste.

Den peinlichen Treffer kassierte sie auf ihrem bevorzugten Spielfeld: der Sicherheit. Null Toleranz und eiserne Faust hatte die Regierung versprochen. Seit Wochen patrouillieren bewaffnete Soldaten in Italiens Städten, sind die Roma Gegenstand von Übergriffen, wettert die Lega Nord gegen kriminelle Immigranten.

Und jetzt das: Rund 1500 gewalttätige Napoli-Tifosi stürmen einen Zug, verjagen die Reisenden, verletzen vier Eisenbahner. Bei ihrer Ankunft in Rom werden die radikalen Fußballfans von der Polizei zum Stadion eskortiert und demolieren 20 weitere Busse. Anschließend kehren sie ungestraft nach Neapel zurück.

Das Märchen von der Nulltoleranz hat am Sonntag arge Schrammen abbekommen. Während Innenminister Roberto Maroni die Bürgermeister mit neuen Vollmachten zu Sheriffs macht, die sogar das Betteln verbieten, dürfen 1500 Rowdys in der Hauptstadt des obersten Sicherheitsfetischisten Gianni Alemanno ungestraft wüten - unter den Augen eines Massenaufgebots an Polizei.

Mitleidloser hätte der Populismus der neuen Law-and- Order-Propheten kaum bloßgestellt werden können. Doch wo Fußball im Spiel ist, hört in Italien das Gesetz auf. Das weiß keiner so gut wie der Chef des AC Milan, Silvio Berlusconi. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2008)

 

 

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