STANDARD-Interview: "Politiker müssten viel mehr Geld bekommen!"

2. September 2008, 18:32
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Am Donnerstag startet die Volksoper die Saison mit der Premiere "Der Vetter aus Dingsda" - Direktor Robert Meyerüber Erfolg, Neid und die kommende Wahl

STANDARD: Sie sind ein begnadeter Nestroy-Darsteller. Haben Sie viel mit Nestroy gemein? Also: Sind auch Sie privat ein mürrischer Kerl?

Meyer: Ich kann schon mürrisch werden, das ist ganz klar. Aber ich bin, glaube ich, ein eher friedlicher Mensch - geworden.

STANDARD: Warum brillieren Sie gerade im komödiantischen Fach?

Meyer: Ich habe schon im Kindergarten zum Kasperln angefangen. Aber es war damals nicht so, dass ich gesagt hätte: Ich möchte Schauspieler werden. Ich wollte vielmehr Papst werden. Denn ich war acht Jahre lang Ministrant und ebenso lange Mitglied im Kirchenchor. Und ich bin in einer Gegend in Oberbayern aufgewachsen, aus der auch der jetzige Papst herkommt. Das hat vielleicht abgefärbt. Aber ich bin dann nicht einmal Priester geworden.

STANDARD: Sondern letztendlich Operndirektor. Man ahnte, dass die Volksoper ein großes Potenzial hat. Dominique Mentha und Rudolf Berger, Ihre Vorgänger, waren nicht sonderlich erfolgreich. Wie ist es Ihnen geglückt, binnen einer Saison den Aufschwung herbeizuführen?

Meyer: Vor einem Jahr standen wir nervös vor unserer ersten Premiere, Orpheus in der Unterwelt. Viele Kollegen hatten mich gewarnt: "Eine Operette von Jacques Offenbach geht nicht in Wien." Regisseur Helmut Baumann hat aber unglaublich toll gearbeitet. Und die Produktion hat eingeschlagen: Wir mussten zusätzliche Vorstellungen spielen. Das hat sich dann auch bei Max und Moritz und bei My Fair Lady wiederholt. Das ist wohl auch ein Ergebnis dessen, dass ich mich mit großer Freude und Liebe ins Zeug geschmissen habe. Ich wollte sehr präsent sein, um zu zeigen: "Die Volksoper ist nicht tot, sie lebt. Ich habe wahnsinnig Lust, alle mit meiner Begeisterung mitzureißen." Ich hoffe, dass das weiter anhält. Aufgrund der Ergebnisse in der letzten Saison - die Auslastung stieg von 77,8 auf 85,7 Prozent, die Einnahmen stiegen von 7,2 auf 8,6 Millionen - haben wir uns die Latte aber verdammt hoch gelegt.

STANDARD: Die Vorstellungen, in denen Sie mitspielen, sind besonders hoch ausgelastet. Heißt das: Sie werden noch mehr spielen?

Meyer: Nein. In der letzten Saison stand ich 53-mal auf der Bühne der Volksoper. Den Doolittle wollte ich unbedingt spielen, aber diese hohe Zahl hat sich einfach ergeben, auch weil wir Die Weberischen wiederaufnehmen konnten. Ich kann zwar nicht auf die Bühne verzichten, ich werde aber nicht mehr so viel auftreten. Ich inszeniere ja auch - die Die lustigen Nibelungen (Premiere am 20. Dezember). Mein erster Frosch in der Fledermaus wird jener zu Silvester sein, ich spiel ihn dann nur noch zwei, drei Mal. Und auch bei My Fair Lady müssen wir uns etwas überlegen. Denn ich will auch wieder etwas Neues spielen - in Guys and Dolls.

STANDARD: Manch Playing Captain verdiente unglaublich viel, weil er mit sich selbst die Honorare aushandelt hat. Wie ist das bei Ihnen?

Meyer: Das Honorar ist derart niedrig, dass keiner dafür auftreten würde. Ich habe mir das selbst verordnet. Eben damit mir deswegen niemand ans Bein pinkeln kann. Ich würde mich genieren, die volle Gage zu verlangen.

STANDARD: Die Volksoper ist der arme Vetter der Staatsoper. Wie geht man damit um, dass man nur der Zweite ist - in der Bedeutung wie in der budgetären Ausstattung?

Meyer: Ich fahr mit dem Auto oder dem Motorrad an der Staatsoper und dem Burgtheater vorbei - und freu mich trotzdem auf mein Haus. Neid kenne ich da nicht. Zudem haben wir jetzt ein neues Pausenfoyer: Das ist ein großer Schritt! Was das Budget betrifft: Ja, ich wundere mich schon, dass die Volksoper sehr viel weniger Geld erhält als die Burg. Gut, sie hat ein zweites Haus, das Akademietheater, aber wir haben ein 95-köpfiges Orchester und einen 64-köpfigen Chor! Irgendetwas stimmt da nicht beim Verteilungsschlüssel, der einst ausgehandelt wurde.

STANDARD: Sie können sich daher kaum Stars leisten.

Meyer: Das stimmt. Alfred Kirchner inszeniert zwar die Tosca (Premiere am 12. Oktober), aber nur deshalb, weil wir uns aus gemeinsamen Burgtheater-Tagen kennen. Er macht das mir zuliebe. In Dresden und Leipzig bekommt er das Doppelte. Von den Sängergagen wollen wir gar nicht reden: Die sind ziemlich versaut. Was Baden-Baden für einen Abend zahlt! 20.000 Euro! Da kann nicht einmal die Staatsoper mit. Ich kann nur auf die alte Verbundenheit hoffen. Denn die Volksoper ist ein Sprungbrett.

STANDARD: Sind Sie schon zu Georg Springer, dem Chef der Bundestheater-Holding, gegangen?

Meyer: Nein. Denn Springer würde sagen: "Du hat recht, du brauchst mehr Geld! Aber ich kann es dir nicht geben: Ich habe auch keines." Ich müsste also zum Finanzminister gehen. Ob er sagen würde: "Ja, lieber Meyer, Sie waren so erfolgreich. Was brauchen Sie denn?" Und ich nenne eine Summe. Und er sagt: "Na, das schaffen wir schon!" Das wär ein Traum, aber ich fürchte, das spielt es nicht.

STANDARD: Vielleicht beißt er ja doch an: Finanzminister Wilhelm Molterer würde als Kanzler gerne die Kultur übernehmen wollen.

Meyer: Zusammen mit einem Staatssekretär. Nach der letzten Wahl habe ich es sehr begrüßt, dass es wieder ein Ministerium für Kunst gibt. Bedauert habe ich lediglich, dass man der Kunst den Unterricht dazugegeben hat. Ich glaube, dass sich ein Land, in dem die Kunst - Gott sei dank! - einen so unglaublichen Stellenwert hat, ein eigenes Ministerium für Kunst leisten sollte. Und nicht nur einen Staatssekretär. Diese Konstruktion kennen wir schon, als Viktor Klima Kanzler war. Das war's nicht! Das funktioniert nicht!

STANDARD: Obwohl ein Staatssekretär, Franz Morak, Sie bestellte.

Meyer: In der Tat. Trotzdem.

STANDARD: Nicht nur Ihr ehemaliger Burgtheater-Kollege Morak wurde Politiker: Ihr Vorgänger Rudolf Berger wahlkämpft nun für das Liberale Forum. Könnte es sein, dass auch Sie noch Politiker werden?

Meyer: Ich habe immer gesagt: Ich werde nie Theaterdirektor. Und wurde es. Aber Politiker? Sicher nicht! Politiker werden jeden Tag angepöbelt. Das finde ich grauenhaft. Die müssten viel mehr Geld bekommen! Wir würden dann auch bessere Leute kriegen. Politiker zu werden kommt für mich in Wien sowieso nicht infrage, weil ich deutscher Staatsbürger bin.

STANDARD: Sind Sie froh, dass Sie hier nicht wählen müssen?

Meyer: Ja. Ich wüsste nicht, wen. (Thomas Trenkler, Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 9. 2008)

Zur Person
Robert Meyer, 1953 in Bad Reichenhall geboren, ist seit 1974 Ensemblemitglied des Burgtheaters und seit 2007 Volksoperndirektor.

  • Stand in der letzten Saison 53-mal auf der Bühne der Volksoper: Direktor Robert Meyer.
    foto: regine hendrich

    Stand in der letzten Saison 53-mal auf der Bühne der Volksoper: Direktor Robert Meyer.

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