Opernsängerin und Obama-Maniac

2. September 2008, 17:55
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Die Sopranistin Rebecca Nelsen spielt im "Vetter aus Dingsda" dessen schöne Kusine

Wien - "Ich rede viel zu viel, nicht wahr?" - Nein, natürlich nicht. Aber ein wenig ungewöhnlich ist es schon, sich mit einer Sopranistin anlässlich einer Operettenpremiere zu treffen und mehr als die Hälfte der Zeit über Politik und Gesellschaft zu diskutieren. "Ja, ich bin vielleicht ein bisschen politisch für eine Opernsängerin" , sagt Rebecca Nelsen.

Doch habe die Texanerin wie viele Amerikaner in den letzten acht Jahren unsäglich unter der Politik ihres Heimatlandes gelitten und sich irgendwann nur mehr geschämt: "Am meisten stört mich, was mein Land gerade nicht tut. Was es tut, ist ja schon furchtbar genug, aber was es unterlässt, ist fast noch schlimmer - etwa in Darfur. Dabei wäre es das reichste Land der Welt."

Frenetisch gefeiert

In der Hoffnung auf jene Veränderung, die gerade in aller Munde ist, sei sie deshalb "ganz stark für Obama: Ich bin ein Obama-Maniac. Dass meine Eltern immer noch Republikaner sind, tut weh." Allerdings: Ihre Meinung habe sich auch erst gewandelt, als sie in Europa zu einer anderen Perspektive gefunden habe. Mit einem Fulbright-Stipendium war Nelsen nach Wien gekommen. Bald konnte sie sich mit Produktionen der Neuen Oper Wien dem Publikum vorstellen, beginnend mit God's Liar beim Klangbogen Wien 2004, wo sie frenetisch gefeiert wurde.

Weniger die Neue Musik als vielmehr eine gewisse Affinität zur Wiener Mentalität mochte die junge Sängerin nun dazu prädestiniert haben, eine Hauptrolle in Eduard Künnekes Operette Der Vetter aus Dingsda an der Volksoper zu übernehmen:  "Es ist zwar eine Berliner Operette, aber man hört in der Musik viel Johann Strauß. Daher braucht man Flexibilität - eine riesige Herausforderung. Wenn man nur die Noten sieht, denkt man, es ist babyleicht. Aber was schwer an dieser Musik ist, steht gerade nicht in den Noten. Es gibt Leute, die gegenüber der Operette hochnäsig sind. Das finde ich gar nicht gerechtfertigt."

Dass Nelsen ihre musikalischen Vorlieben breit gestreut hat, ist ihr dementsprechend wichtig zu betonen: "Ich fand zum Beispiel auch die Producers fantastisch. Manche kommen dann über das Musical zur Operette und Oper." Dass sie selbst sich für viele Stilrichtungen begeistert, zeigte sie unlängst auch bei einem "Pop meets Classic" -Abend in Braunschweig, wo sie sonst Gilda im Rigoletto, Musetta in La Bohème oder Sophie im Rosenkavalier verkörpert: "Dort habe ich Dear Mr. President von Pink richtig rockmäßig gesungen. Durch meinen Vater als Jazzmusiker mit einer riesigen Plattensammlung habe ich viel Jazz gehört, der für mich eine enorme Tiefe und Kraft besitzt. Aber es gibt auch guten Rap, bei dem die menschliche Seele herauskommt. Überhaupt: Es gibt in jeder Stilrichtung gute Musik."  (Daniel Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 9. 2008)

  • "Vielleichtein wenig politisch für eineSängerin": Nelsen.
    foto: heribert corn

    "Vielleichtein wenig politisch für eineSängerin": Nelsen.

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