Immer auf die Kleinsten

2. September 2008, 20:12
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Nach dem Hype um die Nanotechnologie kommt die Diskussion über deren Risiken für Gesundheit und Umwelt in Gang - International gültige Sicherheitsstandards fehlen noch

Am Anfang waren die Visionen: ein neuer Markt von einer Billion Dollar, der baldige Sieg über den Krebs, fantastische molekulare Computerchips, Wundermaterialien, die sogar einen Aufzug in den Weltraum ermöglichen sollten. All das würde die Nanotechnik in wenigen Jahren möglich machen, jene Technik der Atome, Moleküle und Kleinstteilchen, die nur wenige Nanometer - Millionstelmillimeter - messen. Von Nanorobotern war gar die Rede, die jeden beliebigen Gegenstand Atom für Atom zusammenbauen würden.

Dass die außer Kontrolle geraten könnten, sorgte Anfang des Jahrzehnts kurz für einen Sturm im wissenschaftlichen Feuilleton. Aber die Nanobots waren dann doch zu utopisch, um den Optimismus zu bremsen.

Inzwischen ist der Hype abgeklungen - und allmählich wird klar, dass amoklaufende Nanoroboter das geringste Problem des noch jungen Technikgebiets sind. Denn seit einiger Zeit mehren sich die Hinweise, dass Nanomaterialien schon heute Risiken für Gesundheit und Umwelt bergen könnten. Sie sind zwar bislang in eher unspektakulären Anwendungen wie kratzfesten Beschichtungen für Autokarosserien, äußerst flachen Solarzellen oder Elektroden für Laptop-Akkus enthalten. Aber unter den über 800 Nanoprodukten, die die Online-Datenbank des Woodrow Wilson Center in Washington auflistet, sind auch etliche Kosmetikprodukte, Textilien sowie erste Lebensmittel, die Nanoteilchen enthalten sollen.

Teilchen dieser Größe, haben Toxikologen herausgefunden, können mühelos Gewebebarrieren wie die Blut-Hirn-Schranke überwinden und sich in Organen wie Milz, Leber und Nieren sammeln. "Dieselben Eigenschaften, die Nanopartikel so attraktiv für Anwendungen in Nanomedizin und anderen industriellen Prozessen machen, könnten sich als schädlich herausstellen, wenn Nanopartikel mit Zellen in Wechselwirkung geraten" , warnte der deutsch-amerikanische Toxikologe Günter Oberdörster vor drei Jahren.

Hatten die EU-Länder die Förderung der Nanotechnik zunächst nur als großes Innovationsprogramm begriffen, lassen sie inzwischen die möglicherweise unliebsamen Folgen genauer untersuchen. Im Oktober 2007 startete das Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das vom Infrastrukturministerium finanzierte Projekt "Nanotrust" .

Der Name ist treffend gewählt: Nichts fürchten die Akteure der Nanotech-Szene derzeit mehr, als dass die Verbraucher das Vertrauen in Nanotechnologien verlieren, bevor die ihr ganzes Potenzial entfalten können.

Nanotrust soll vor allem Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Verbänden Informationen über mögliche Risiken für Umwelt und Gesundheit bereitstellen. Seit längerem fordern Umweltorganisationen und Verbraucherschützer, Nanomaterialien gesetzlich zu regulieren. Die Industrie hingegen will erst einmal handfeste Nachweise der Gefahren sehen, die von Nanomaterialien ausgehen sollen. Für Ulrich Fiedeler, einen der Wissenschafter bei Nanotrust, ist das drängendste Problem ein anderes: "Bevor Konzepte und Verfahren nicht standardisiert sind, kann man nicht regulieren."

Das verdeutlicht das Beispiel der Kohlenstoff-Nanoröhren. Aufgrund ihrer überragenden Materialeigenschaften - eine höhere Festigkeit als Stahl, eine bessere elektrische Leitfähigkeit als Kupfer - wird intensiv an ihnen geforscht. Als Zusatz für Kunststoffe werden sie bereits genutzt. Weil die langen Moleküle aber eine ähnliche Form wie Asbestfasern haben, haben auch Toxikologen sie genauer unter die Lupe genommen.

Im Mai sorgte eine britische Studie für Schlagzeilen, die in Experimenten mit Mäusen eine mit Asbest vergleichbare Toxizität feststellte. Doch so einfach ist die Sache nicht: Eine andere Studie hatte einen Monat zuvor keine derartigen Auswirkungen feststellen können. Und Schweizer Forscher hatten bereits 2007 berichtet, dass möglicherweise Verunreinigungen aus dem Herstellungsprozess die Röhren toxisch machen könnten. Der ist allerdings von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich.

Auf der Suche nach Sicherheit

Der deutsche Toxikologe Harald Krug führt die Unsicherheit darauf zurück, dass die bisherigen Untersuchungen kaum zu vergleichen sind. Denn die nötigen Standards werden derzeit erst erarbeitet, unter anderem im deutschen "Nanocare" -Projekt, dessen Sprecher Krug ist. Noch schlechter als Gesundheitsgefahren seien mögliche ökologische Auswirkungen untersucht. "Über die Akkumulation von Nanopartikeln und mögliche Umweltschädigungen gibt es kaum Daten und gar keine Projekte" , sagt Krug. Allerdings hat die Nanotechfolgen-Debatte inzwischen einiges in Bewegung gebracht.

Der Pharmakonzern Novartis erklärte im Dezember 2007, aufgrund der unklaren Datenlage und im Sinne des Vorsorgeprinzips auf den Einsatz von Kohlenstoff-Nanoröhren in der Medizin vorerst zu verzichten. Die Innovationsgesellschaft in St. Gallen wiederum hat gemeinsam mit dem TÜV-Süd in München das Risikomanagement-System "Cenarios" entwickelt, nach dem sich Hersteller von Nanomaterialien eine sichere Produktion zertifizieren lassen können.
Und die britische Royal Society erarbeitet für Forschung und Industrie den Verhaltenskodex "Responsible NanoCode" . Das mag Kritiker noch nicht beruhigen, doch Ulrich Fiedeler beurteilt die derzeitige Entwicklung verhalten optimistisch: "Die Diskussionen nehmen nicht nur zu, sie werden endlich auch konkreter." (Niels Boeing/DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2008)

Zur Person
Niels Boeing ist Wissenschaftsjournalist und Verfasser mehrerer Fachbücher, unter anderem "Alles Nano?! Die Technik des 21. Jahrhunderts" (Rowohlt).

  • Giftzwerge? Die Risiken der Nanotechnologie beschäftigen Forschung, Industrie und Politik gleichermaßen.
    foto: karin gsöllpointner, silvia druml

    Giftzwerge? Die Risiken der Nanotechnologie beschäftigen Forschung, Industrie und Politik gleichermaßen.

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