Perspektiven: Getrennte Leitungen in Mitrovica

2. September 2008, 17:45
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Ein halbes Jahr nach der Unabhängig- keitserklärung ist Mitrovica noch ein bisschen geteilter als zuvor

Ein multiethnischer Staat ist nicht in Aussicht. Die UN-Verwaltung wird bei den Albanern noch unbeliebter.

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Bajram Rexhepi geht regelmäßig zu seinem Haus auf der anderen Seite des Flusses. Wenn der Bürgermeister von Mitrovica den Ibar überquert hat und auf der serbischen Seite der nordkosovarischen Stadt angekommen ist, wird er allerdings zum Privatmann. „Die sehen mich als Provokation", sagt er. Angst kenne er aber nicht. Der ehemalige Premier des Kosovo sieht sich als „untouchable".

Ein halbes Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung und den Ausschreitungen hat sich die Teilung Mitrovicas konsolidiert. „Es gibt keine Verbindungen zum Norden", sagt Rexhepi zum Standard. Ganz im Gegenteil:„Die Serben wollen die multiethnischen Institutionen, die funktioniert haben, zerstören, um die Parallelinstitutionen weiter aufzubauen." Serbische Polizeibeamte haben die gemeinsame Polizei verlassen, auch das Gericht und der Zoll wurden auseinanderdividiert. „Ich hoffe sie kommen wieder zurück", sagt Rexhepi. Glauben tut er das nicht wirklich.

Genausowenig wie er überzeugt ist, dass die EU-Mission Eulex im Norden Fuß fassen kann. Die einzige Möglichkeit, mit den Bewohnern der Welt jenseits der Brücke zu kommunizieren, sei über die UN-Verwaltung Unmik, so Rexhepi. Über jene Mission also, die seit 1999 den Kosovo verwaltet und laut dem Plan des UN-Vermittlers Ahtisaari längst abgezogen sein sollte. Dass sie geblieben ist und bis zur Aufhebung der Resolution 1244 (und die wird es angesichts der politischen Großwetterlage nicht geben) bleiben wird, nennt Rexhepi ein „Gentlemen's Agreement" zwischen der EU und der UNO, das ihn offensichtlich ärgert.
„Ende des Jahres sollten wir beginnen, die Unmik zu ignorieren. Die machen mit bei der Obstruktion." So hätten UN-Beamte jene Serben unterstützt, die kürzlich den Ausbau einer Wasserleitung in das von Albanern bewohnte Dorf Suvi Do verhindert haben. Die Rohre würden trotzdem verlegt, über Umwege, durch albanische Dörfer. „Und die Unmik soll so schnell als möglich abziehen."

In der unbeliebten UN-Behörde bastelt man einstweilen an Modellen für den serbischen Norden. Während die EU weiterhin auf einen einheitlichen Staat besteht, plädiert Unmik-Chef Lamberto Zannier mittlerweile für das Hongkong-Modell - ein Staat, zwei Systeme. Die serbischen Polizisten, die im Februar ihren Job bei den kosovarischen Polizeikräften aus Protest aufgegeben haben, könnten eine Kommandoautonomie bekommen.

Die Sicherheitslage hat sich in Mitrovica trotz wiederholter Zwischenfälle stabilisiert, doch die 20.000 Serben leben in einem schwarzen Loch, in einem Staat, den sie nicht anerkennen, und in einem, der vom Westen nicht mehr akzeptiert wird. Die im Februar von serbischen Demonstranten demolierten Zollgebäude an der Grenze zu Serbien bleiben unkontrolliert.
Dabei halten viele Serben nur aus prinzipiellem Widerstand gegen die Unabhängigkeit an der Unmik fest, nicht aus pragmatischen Gründen. Belgrad selbst hat außerdem durch den Schwenk der russischen Anerkennungspolitik in seiner Kosovo-Politik einen Dämpfer bekommen. Die serbische Kosovo-Politikerin Rada Trajkoviæ meinte kürzlich:„Russland hat uns verkauft, indem es versuchte, unsere Politik als Geisel zu nehmen für die eigenen strategischen Interessen." Moskau wollte eigentlich nur seine Ziele in Südossetien und Abchasien durchsetzen. Im Gegensatz zur korrupten Unmik könne Eulex die Serben vor der albanischen Mehrheit schützen, glaubt Trajkoviæ.

Bürgermeister Rexhepi arbeitet indes daran, dass albanische Familien, die vor dem Krieg in Nord-Mitrovica lebten, wieder dorthin zurückkehren. In zwei Projekten sollen 17 Häuser restauriert werden. Wer selbst die Aufbauarbeit leisten will, bekommt 25.000 Euro überwiesen. Umgekehrt wollten keine Serben in den Süden der Stadt zurückkehren. Rexhepi ließ aber dort den zerstörten serbischen Friedhof wieder aufbauen. Und die Serben aus dem Norden besuchen die Gräber regelmäßig. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2008)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der trennende Fluss Ibar.

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