Kampf der Welten

2. September 2008, 17:43
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Preisverdächtig: Marco Bechis Drama "Birdwatchers" beim Filmfestival in Venedig

Welchen Eventualitäten die Programmierung eines Festivals auch unterworfen ist - dieses Jahr kommt man nicht so recht dahinter, was Direktor Marco Müller zu seiner Auswahl bewogen hat. Im Katalog beschwört er mit dem Philosophen Gilles Deleuze die Kraft des Neuen, die dem Kino aus der Erkundung unbekannter Territorien erwächst. Und er weist auf Ungleichzeitigkeiten hin, die zwischen dem Westen und anderen Weltregionen herrschen: Wo die Moderne für die einen als überwunden gilt, ist sie bei anderen nie angekommen.

Im Wettbewerb gab es bisher nur einen Film, der diese Differenzen zu seinem Gegenstand erklärte und zwei Welten aneinandergeraten ließ: Birdwatchers vom chilenisch-italienischen Regisseur Marco Bechis, dem man auch den Gewinn des Goldenen Löwen zutrauen würde. Schon der Beginn hebelt gewohnte Betrachtungsweisen von Kulturen auf geschickte Weise aus: Ein Boot treibt durch den brasilianischen Dschungel, weiße Touristen blicken gebannt aufs Ufer, von wo die eingeborenen Guarani-Kaiowá finster zurückstarren, sogar Warnpfeile abschießen. Doch die nächste Einstellung kehrt die Situation bereits um. Da sieht man nämlich, wie die Eingeborenen für ihre Rolle bezahlt werden.

Marco Bechis geht es in Birdwatchers um mehr als eine dramatische Konfrontation zwischen Eroberern und Eroberten. Solche Oppositionen löst er eher auf, um sie auf einer abstrakteren Ebene wieder in Gang zu setzen. Weil sie in ihrem Reservat nicht mehr leben wollen - immer mehr der Guarani-Kaiowá suchen den Freitod -, beschließt eine Gruppe auf ihr früheres Land zurückzukehren, auf dem mittlerweile in großem Stil gewirtschaftet wird. Die Ankömmlinge sind also unerwünscht, halten aber an ihrem Vorhaben fest.

Was den Film so beeindruckend macht, sind seine differenzierten Beobachtungen und Verschiebungen. Das kulturelle Nebeneinander wird im Bild manifest - im Blick auf den jeweils anderen -, aber auch zunehmend unreiner. Die Rückeroberung wird wie ein Schachspiel geführt, bei dem es Verhandlungsraum gibt. Die Eingeborenen erweisen sich als gewiefte Taktiker, gerade den Frauen kommt eine wichtige Rolle zu. Trotzdem erzählt Bechis von Unvereinbarkeiten, die irgendwann eskalieren.

Auch in Nuit de Chien, dem ersten Film des deutschen Film- und Opernregisseurs Werner Schroeter seit sechs Jahren, geht es um das Aufbäumen gegen Fremdherrschaft, allerdings wählt er die Form einer apokalyptischen Ode (basierend auf einer Vorlage des Uruguayaners Juan Carlos Onetti). Ossario, ein älterer Soldat, kehrt auf der Suche nach seiner einstigen Geliebten in jene Stadt zurück, aus der gerade jeder erfolglos zu flüchten versucht. An Cholera Erkrankte torkeln durch die Gassen, eine Junta regiert mit eiserner Faust.

Schroeter ist freilich ein Regisseur, der der Dekadenz durchaus etwas abgewinnen kann, weil sie Wertesysteme aufknackt. Im Chaos kann er nach den Leidenschaften forschen, die hier direkter, ungestümer an die Oberfläche drängen. Der Film bannt diese Kräfte jedoch zu sehr durch seine ostentative Künstlichkeit, die ein wenig anachronistisch wirkt:  Thomas Plenerts Kamera bewegt sich mit Ossario durch bühnenhaft barocke Settings, die manchmal zu wundersamen Stillleben einfrieren. Der Suchende kommt seinem Ziel dabei nicht wesentlich näher, sondern stößt nur immer tiefer ins Machtzentrum einer mysteriösen Welt vor, die Schroeter der richtigen wie die Glaskugel eines Hexers entgegenhält. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 9. 2008)

  • Traditionelles Rollenspiel, das sich bald zu einem Existenzkampf zuspitzt: „Birdwatchers" von Marco Bechis.
    foto: image.net

    Traditionelles Rollenspiel, das sich bald zu einem Existenzkampf zuspitzt: „Birdwatchers" von Marco Bechis.

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