Ein Mandat "kostet" rund 200.000 Stimmen

2. September 2008, 17:40
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Das BZÖ ist die einzige Parlamentspartei ohne Direktmandat, dessen Eroberung ist für Kleinparteien relativ schwierig

Wien - Mitbestimmen darf im österreichischen Nationalrat bekanntlich, wer die Unterstützung von mindestens 200.000 Wählern hat, oder anders ausgedrückt, von vier Prozent der Wähler. Zweite Möglichkeit: Man erobert ein Direktmandat in einem der 43 Wahlkreise, die es in Österreich gibt. In der Praxis ist das für Kleinparteien jedoch relativ schwierig, da man in einem Wahlkreis eine sehr hohe Anzahl von Stimmen erreichen muss. So gelang es zum Beispiel den Grünen erst bei den Nationalratswahlen 2006, zum ersten Mal zwei Direktmandate zu erobern, und zwar in den Wiener Wahlkreisen Süd-West und Nord-West. Dem BZÖ blieb dies hingegen selbst in seiner Hochburg Kärnten verwehrt - es ist derzeit die einzige Parlamentspartei ohne Direktmandat. Es schaffte aber knapp die Vier-Prozent-Hürde. Dafür waren 188.330 Stimmen nötig, das BZÖ kam auf 193.539. Hans Peter Martin scheiterte mit 131.688 Stimmen.

27.914 Stimmen pro Mandat

44 Direktmandate konnte die SPÖ bei den letzten Nationalratswahlen 2006 erreichen, sie liegt damit vor der ÖVP (36). Die FPÖ hat - wie die Grünen - zwei Mandate. Wie viele Stimmen man für ein Direktmandat braucht, variiert von Bundesland zu Bundesland, die Zahl entspricht jeweils dem Anteil der Einwohner an der Gesamtbevölkerung Österreichs. Demnach hat das Burgenland nur sieben Direktmandate zu vergeben, Niederösterreich dafür 36. Dort brauchte man bei den letzten Nationalratswahlen in absoluten Zahlen die meisten Stimmen für solch ein Mandat, genauer gesagt 27.914. Relativ gesehen reichten in Niederösterreich in vier der sieben Wahlkreise aber bereits weniger als 20 Prozent der Stimmen. Das „billigste" Mandat gab es 2006 im großen oberösterreichischen Wahlkreis Hausruckviertel, wo weniger als 13 Prozent für ein Direktmandat reichten. Dort holte die FPÖ eines. „Teuer" kommt ein Mandat hingegen im sehr kleinen Wahlkreis Osttirol. Dort hätte 2006 eine Partei auf 86 Prozent kommen müssen. Wenig verwunderlich, dass es dort überhaupt noch nie eine Partei geschafft hat, ein Direktmandat zu ergattern.

Die Prozentzahlen variieren, weil die Einwohnerzahlen der einzelnen Regionalwahlkreise unterschiedlich sind. Je geringer die Wahlbeteiligung, desto leichter wird es außerdem, ein Mandat zu erhalten.  Wer ein Direktmandat in einem Wahlkreis erreicht, wird automatisch auch bei der Verteilung der Landes- und Bundesmandate berücksichtigt, unabhängig von der Gesamtanzahl der Stimmen. Daher ist es mathematisch höchst unwahrscheinlich, dass ein Kandidat tatsächlich alleine für seine Partei in den Nationalrat einzieht. Dies wäre dann der Fall, wenn eine Partei nur in einem bestimmten Wahlkreis Stimmen erhält, in den anderen aber praktisch keine. Die Vorzugsstimmen bewirkten bei der letzten Nationalratswahl keine direkte Vorreihung von Kandidaten, da meist diejenigen, die ohnehin weiter vorne auf den Parteilisten stehen, die meisten Unterstützer haben. 2006 machten 1,356.917 Wähler ihr Kreuzerl bei einem Namen, die meisten davon für einen Kandidaten in ihrem jeweiligen Wahlkreis. (APA, hei/DER STANDARD-Printausgabe, 3. September 2008)

 

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