Weniger Falten, weniger fühlen

2. September 2008, 17:29
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Man hatte es vermutet, der Neurologe Haslinger hat es bewiesen: Weniger Gefühlsregung im Gesicht, wie nach einer Botulinumtoxin-Injektion, wirkt sich auf die Gefühlslage im Hirn aus

 

DER STANDARD: Sie untersuchen das "sensorische Feedback", also die Rückkopplung von Mimik ans Gehirn. Warum?


Haslinger: Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Dystonie und Parkinson. Es geht mir dabei um "sensomotorische Plastizität", also die Umorganisation von Gehirnfunktionen bei derartigen Erkrankungen, vor allem auch unter dem Einfluss von therapeutischen Maßnahmen. Wir haben Patienten Botulinumtoxin in die Zornesfalten injiziert, sie gebeten, traurig oder wütend zu schauen und die Gehirntätigkeit mit funktioneller Magnetresonanztomografie aufgezeichnet.


DER STANDARD: Damit haben Sie nachgewiesen, dass eine verminderte Mimik verminderte Gehirntätigkeit zur Folge hat. Was kann man weiter folgern?


Haslinger:
Zunächst, dass die funktionelle neuro-anatomische Verbindung tatsächlich besteht. Es gab bisher nur die Hypothese als Resultat systematischer Beobachtung des Verhaltens.


DER STANDARD: Kann man daher Botulinumtoxin als Empathie-Bremse bezeichnen?


Haslinger:
Es ist gefährlich, solche Schlüsse zu ziehen. Empathie hängt noch von anderen Faktoren wie etwa den Spiegelneuronen ab.

DER STANDARD: In der linken Gehirnhälfte, im Bereich des Mandelkerns, entstehen alle Emotionen, etwa auch eine Panikattacke. Kann man von Botulinumtoxin hier Effekte erwarten?


Haslinger: Wir haben Wut und Trauer untersucht. Wie sich das bei Angst auswirkt, müsste man weiter untersuchen.


DER STANDARD: Welche Nebeneffekte von Botulinumtoxin sind überhaupt bekannt, beziehungsweise an welchen wird geforscht?


Haslinger: Es wird seit den frühen 1980er-Jahren angewendet und ist auch bezüglich systemischer Wirkungen gut erforscht. Zuletzt wurden zwei Zwischenfälle bei Patienten, die mit hohen Dosen therapiert wurden, berichtet. Der letzte Fall wird noch untersucht. (Bettina Stimeder, DERSTANDARD, Printausgabe, 03.09.2008)

ZUR PERSON
Bernhard Haslinger, 37, ist Neurologe und Oberarzt am Münchner Klinikum rechts der Isar. Er leitet die Forschungsgruppe Sensomotorik.

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