"Um Panikmache zu vermeiden"

2. September 2008, 20:15
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Elke Anklam von der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU im STANDARD-Interview über Nanorisiken, Verbraucherschutz und unsachliche Berichte

STANDARD: Welche Risikopotenziale sehen Sie derzeit in den Nanowissenschaften und Nanotechnologien?

Anklam: Bei Nanowissenschaften und -technologien handelt es sich ja um ein extrem breites Gebiet, das durch die Konvergenz klassischer Disziplinen wie Physik, Chemie, Biologie und auch Medizin gekennzeichnet ist. Viele Bereiche ziehen dabei überhaupt keine neuen Risikopotenziale nach sich. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Potenzielle Risiken gibt es allerdings schon - aufgrund der Toxizität von künstlich hergestellten Nanomaterialen in Form von Teilchen und ähnlichen Formen oder Fasern. Das betrifft sowohl die Sicherheit am Arbeitsplatz in Betrieben, die solche Materialien herstellen, als auch den Verbrauchschutz, da solche Materialien in verschiedenen alltäglichen Produkten verwendet werden, die bereits auf dem Markt sind.

STANDARD: Welche Schwerpunkte sollten daher in Technikfolgenabschätzung und Aufklärung gewählt werden?

Anklam: Zu den Schwerpunkten zählen derzeit sicher künstlich hergestellte Nanomaterialien. Dazu wurden in den letzten Jahren viele neue Forschungsprojekte initiiert - und auch die Europäische Kommission finanziert viele Arbeiten zur Erforschung der möglichen Gefahren und der sicheren Anwendung von Nanomaterialien. Eine der wichtigen Fragestellungen ist: Welche Daten über Nanomaterialien und ihre eventuell schädlichen Auswirkungen gibt es, welche Daten lassen eine aussagekräftigen Risikoabschätzung zu? Diese Initiativen und ihre Ergebnisse müssen in einer verständlichen und objektiven Form dargestellt werden - einerseits, um Panikmache zu vermeiden, andererseits, um den Verbraucher zu informieren, wo Vorsicht im Umgang mit diesen Nanomaterialien wirklich geboten ist.

STANDARD: Wie hoch ist die Gefahr, dass aufgrund von Medienberichten die Sachlichkeit verlorengeht und mit Panikmache die vielleicht vielfältigen Chancen von Nanowissenschaften zunichtegemacht werden?

Anklam: Die Verwendung von Nanomaterialien in "trivialen" Bereichen, wie etwa in Reinigungsmitteln, sollte nicht dazu führen, dass durch unsachliche Berichte über mögliche Risiken oder neue Informationen über reale Gefahren wichtige Anwendungsbereiche in der Medizin oder in den Umwelttechnologien diskreditiert werden. Es besteht aber aufgrund vergangener Erfahrungen die berechtigte Befürchtung, dass die derzeitige Akzeptanz in der Bevölkerung durch Panikmache ernsthaft infrage gestellt werden könnte. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2008)

Zur Person
Die Chemikerin Elke Anklam ging 1999 zur Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) in Ispra, wo sie die JRC-Tätigkeiten über Lebensmittelanalyse aufbaute. Derzeit leitet sie das Institut für Gesundheit und Verbraucherschutz (IHCP).

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