"Man bringt auch Autos in die Werkstatt"

2. September 2008, 17:12
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Zuzusehen ist viel schlimmer; Wenn die haarfeine Spitze der Spritze ins zusammen­ge­drückte Fleisch dringt, knapp neben dem Auge, krampft sich der Magen unwillkürlich zusammen

Anders die Empfindung, wenn man selbst auf dem Behandlungsstuhl liegt. Die Nadel, die das Nervengift in den Körper bringt, sieht man nicht. Und das Zusammenkneifen der Muskeln im Augenbereich, in die es injiziert wird, ist nur ein kurzer Schmerz.

Botulinumtoxin Typ A


So heißt das Wundermittel gegen Falten, Botox wird es genannt - obwohl das eigentlich ein Markenname ist. In Österreich zahlen manche Krankenkassen den Botox-Einsatz, wenn er medizinisch notwendig ist (siehe Artikel unten). Die Hälfte des weltweiten Bedarfs geht aber in die Schönheitsindustrie.

Zornesfalten zwischen den Augenbrauen


Vier, fünf Stiche setzt Doris Wallentin in den "Musculus Procerus" und "Musculus Corrugator Supercilii". Die sind verantwortlich dafür, dass sich die Zornesfalte immer tiefer zwischen die Augenbrauen gräbt. Nach wenigen Sekunden ist es vorbei, vier bis sechs Monate lang soll die Falte verschwinden. Und das für 200 bis 500 Euro, je nach Arzt und je nach zusätzlichen Kosten für etwaige Nachinjektionen.


Zwei Männer und drei Frauen sind in Wallentins Grinzinger Praxis versammelt, die nicht Praxis, sondern "Aesthetik-Center Absolut Schön" heißt. Der Ästhetik-Anspruch spiegelt sich schon im Vorraum wieder. Steinboden, viel indirekte Beleuchtung, legere Sitzgelegenheiten. Die blonde 42-jährige Medizinerin steht entspannt an die Empfangstheke gelehnt und schildert Vor-, Nachteile und Wirkung von Botox. Schäden sollen angeblich nicht drohen, die gefährliche Dosierung werde nie erreicht.


Ärger über Krähenfüße


Für die Mehrheit der Gäste sind die Informationen keine Neuigkeit. Sie haben erkennbar mehrere Behandlungen hinter sich. Und stehen dazu. Wie die Frau in Weiß, die erklärt: "Ich konnte nicht mehr gerade schauen, da ich ständig die Augen zusammengekniffen habe." Daher die Stiche in die Zornesfalte. Dann kam der Ärger über die Krähenfüße im Augenwinkel. Seit damals können sich die Botoxproduzenten über eine Neukundin freuen. Einer der Männer ist aus Informationsgründen hier, der andere wegen seiner Migräne - auch hier soll Botox helfen.

Königsmedikament der Ästhetik


Zum ersten Mal veranstaltet Wallentin ein Gemeinschaftsspritzen. Von einer „Botox-Party" im Wohnzimmer hält sie aus hygienischen Gründen nichts. Der mögliche Vorteil der Anonymität dort zählt für die Anwesenden nicht. Von "Pseudo-Promis" komme zwar gelegentlich der Wunsch, außerhalb der Öffnungszeiten behandelt zu werden, berichtet Wallentin. "Aber das mache ich nicht."
Sonst gibt es kaum Verweigerungsgründe für das "Königsmedikament in der Ästhetik", wie es die Ärztin nennt.

Mithalten wollen

Nur Schwangeren und Menschen mit Nervenerkrankungen rät sie ab. Das Alter der Kundinnen und Kunden liegt zwischen 20 und 85 Jahren. "Bei ganz jungen Mädchen empfehlen wir allerdings eher Peelings, bei denen die Haut abgeschält wird."
Ältere Kundinnen würden das kaum akzeptieren. Was machbar ist, soll durchgeführt werden. "Man bringt auch Autos in die Werkstatt und lässt sie reparieren. Oder lässt seine Wohnung renovieren. Wenn es der Fortschritt ermöglicht, warum soll man ihn nicht nutzen?", fragt sich die blonde Kundin. "Vielleicht hängt das auch mit den Männern zusammen, die sich rasch eine Jüngere suchen", sinniert sie. "Ja, es ist sicher auch ein Grund, mithalten zu wollen."

Selbsttest: Spürbare Muskellähmung


Das Mittel für das Mithalten ist fast unsichtbar. Die Substanz wird als staubfeines Pulver in Glasfläschchen verkauft. Erst mit Kochsalzlösung verdünnt kann es für den optischen Alterungsaufschub injiziert werden. Dramatisch fällt der im Selbsttest nicht aus. Nach drei Tagen ist vor allem die Muskellähmung zwischen den Augen spürbar. Genau diese Lähmung soll im nächsten halben Jahr die Entstehung neuer Falten verhindern, da kein Muskel verzogen werden kann. Wer danach noch immer auf Faltenfreiheit wert legt, dem bleibt nur die nächste Spritze. (Michael Möseneder, DERSTANDARD, Printausgabe, 03.09.2008)

  • Kein Lächeln, sondern Schmerz des Redakteurs. Das Kneifen der Muskeln ist der unangenehmste Teil der Botox-Behandlung.
    foto: privat

    Kein Lächeln, sondern Schmerz des Redakteurs. Das Kneifen der Muskeln ist der unangenehmste Teil der Botox-Behandlung.

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