"Drogen-Kosten": Heftige Kritik von Wiener Drogenkoordinator

2. September 2008, 11:41
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Schätzungen "an vielen Stellen" nicht nachvollziehbar - Sucht ist nicht "ansteckend"

Wien (APA) - Das Buch "Soziale Kosten des Drogenmissbrauchs" führte bereits im Umfeld seiner Präsentation zu Kritik. Der Wiener Drogenkoordinator Michael Dressel mit Bezug auf Auszüge des Buches gegenüber der APA: "Eine generelle Schwäche der Publikation ist, dass sie sich an vielen Stellen auf nicht nachvollziehbare oder jedenfalls nicht wissenschaftlich haltbare Zahlen bezieht. Problematische Quellen führen natürlich auch zu problematischen Schlussfolgerungen."

Unseriös

Die Autoren würden zum Beispiel auf extrem hohe Verwendungsraten für Cannabis kommen (80 bis 90 Prozent "Kiffer" in "Eliteschulen"). Diese Zahl würde aber aus keiner wissenschaftlichen Erhebung hervorgehen. Dressel: "Seriöse Erhebungen - vom Wiener Suchtmittelmonitoring bis zur Erhebung des Ludwig Boltzmann Instituts Sucht im Auftrag des Gesundheitsministeriums - kommen auf wesentlich niedrigere Konsumprävalenzen."

Genauso problematisch sei die Annahme, dass Jugendliche bei anfänglichem Ausprobieren von Drogen nicht wieder selbst aufhören würden. Der Wiener Drogenkoordinator: "Wir wissen sowohl aus unseren Daten und Untersuchungen, als auch aus der Beratungs- und Behandlungspraxis: Nicht bei allen, aber bei der überwiegenden Mehrheit der Jugendlichen geht es über ein Probieren im Rahmen des üblichen jugendlichen Experimentierverhaltens nicht hinaus; nur ein kleiner Prozentsatz entwickelt eine Suchterkrankung."

Behauptungen

Die Zahlenberechnungen seien nicht nachvollziehbar. Dies gelte für den zitierten "Straßenpreis" von Drogen genauso wie für die Zahl von Einzeltaten mit Suchtgifthintergrund und die Transferleistungen für Kranke.

Dressel: "Noch abenteuerlicher werden die Behauptungen der Autoren, wenn sie Thesen über die Epidemiologie der Sucht, die jeder wissenschaftlicher Grundlage entbehren, entwickeln. So sei Sucht nicht "ansteckend", wie dies behauptet werde, noch könne man zur Abhängigkeit "verführt" werden. Der Begriffe "charakterliche Resistenz" sei eigentlich unbekannt.

Der Wiener Drogenkoordinator abschließend: "Endgültig unseriös wird es, wenn (in dem Buch, Anm.) die 'Ausbreitung des Drogenmissbrauchs' mit einer Virusepidemie verglichen wird und der 'Ausbreitungsgeschwindigkeit' eine Berechnungsmethode aus dem Bereich der Infektionskrankheiten zugrunde gelegt wird. Das entbehrt jedweder wissenschaftlichen Grundlagen und entzieht sich damit auch einem fachlichen Kommentar. Was ideologisch nicht ins Bild passt, wird infrage gestellt - auch ohne belegbare Grundlage. Die Autoren führen keinen Beleg für die Behauptung an, dass die Drogenprävention 'insgesamt eher zweifelhafte' Effekte habe."

Sucht in Zahlen

Zumindest für Aufsehen werden diese Zahlen sorgen: Laut dem Salzburger Rechtspsychologen Walter Hauptmann und seiner Co-Autorin Eleonora Hübner sollen die "Sozialen Kosten des Drogenmissbrauchs" in Österreich im Jahr 2002 laut ihren Schätzungen 14,7 Mrd. Euro betragen haben. Dies wären 6,7 Prozent des damaligen BIP gewesen. Dies ist jedenfalls das Fazit ihres gleichnamigen Buches, das Dienstag in Wien präsentiert worden ist.

Hier einige der Zahlen aus der Publikation

- "Soziale Kosten" insgesamt (Österreich 2002): 14,7 Mrd. Euro oder 6,7 Prozent des BIP

- "Drogenkosten": 4,056 Mrd. Euro

- Beschaffungskosten (Beschaffungskriminalität): 2,612 Mrd. Euro

- Prävention, Schadensminimierung, ambulante und stationäre Krankenbehandlung etc.: 155 Mio. Euro

- Heimunterbringung, besonderer stationärer Behandlungsbedarf für Kinder von Abhängigen: 44 Mio. Euro

- "Indirekter ökonomischer Schaden": zwei Mrd. Euro

- Mortalität (Drogentote): 156 Mio. Euro

- Erwerbsausfall und Erwerbsminderung: zwei Mrd. Euro

- "Drogen im Verkehr": 188 Mio. Euro

- Drogen am Arbeitsplatz: 1,35 Mrd. Euro

- Sonstige Unfälle durch Drogen: 167 Mio. Euro (APA)

 

 

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