USA überholen Eurozone trotz Krise beim Wachstum

2. September 2008, 19:03
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Die OECD rechnet im zweiten Halbjahr mit einer schwächeren Wirtschaft in der Eurozone und einem Wachstum von nur 1,3 statt 1,7 Prozent. Die USA expandieren stärker als erwartet

Paris - Die USA niesen und Europa bekommt eine Grippe. Doch derzeit liegen die europäischen Patienten noch mit unterschiedlichen Symptomen im Krankenbett. Damit droht eine Eurozone der zwei Geschwindigkeiten. Die aktuelle Wachstumsprognose der OECD belegt die unterschiedlichen Aussichten.

Deutschland wird nach diesen Zahlen um 1,5 Prozent wachsen. Nach einem sehr schwachen zweiten Quartal, in dem die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu den ersten drei Monaten um 0,5 Prozent schrumpfte, werden auch die nächsten Quartale mit einem Nullwachstum nicht den erhofften Aufschwung bringen. Doch damit zählt Deutschland dennoch zu einem Wachstumstreiber in der Eurozone.

Denn die Wirtschaftslage in Südeuropa ist noch schlechter. Für Italien rechnet die aktuelle Prognose 2008 mit einem Wachstum von 0,1 Prozent. Damit liege das Land zwei Prozent unter seinem Potenzial, so die Forscher. Ebenfalls stark kühlt sich die Wirtschaft in den Ländern ab, die in den vergangenen Jahren erhebliche Preissteigerungen an den Immobilienmärkten gesehen haben: Großbritannien, Irland und Spanien.

Die Briten unterscheiden sich jedoch von den Iren und Spaniern in einem Punkt: Sie verfügen über eine eigenständige Notenbank. Und die Bank of England hat in den letzten Monaten bereits auf die Krise reagiert und die Zinsen um 75 Basispunkte gesenkt. Für Irland und Spanien sind Kredite jedoch teurer geworden, weil die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen im Juli um 25 Basispunkte anhob - ein kontraproduktives Signal für einige Marktteilnehmer.

"Irland, Italien und Spanien wurden den Wölfen zum Fraß vorgeworfen", warnte Stuart Thomson von Resolution Investment Management Ltd. in Glasgow. "Es ist viel einfacher, die Inflation zu bekämpfen, wenn man bereit ist, eine Rezession in Spanien, Italien und Irland zuzulassen."

Die aktuellen Wirtschaftsschwächen der Eurozone lassen die USA in einem helleren Licht erscheinen. Während die OECD das Wachstum 2008 für die Eurozone von 1,7 auf 1,3 Prozent nach unten revidierte, dürfen sich die USA auf eine Korrektur nach oben freuen, von 1,2 auf 1,8 Prozent.

Damit sei die Eurozone der Rezession näher als die USA, so Jean-Louis Schneider, stellvertretender Direktor der Wirtschaftsabteilung der OECD. Doch Chefvolkswirt Jørgen Elmeskov warnt im aktuellen Ausblick vor der Unzuverlässigkeit der US-Daten.

Rezessionsszenarien

Der jüngste Anstieg des BIP-Wachstums auf 3,3 Prozent sei vom Fiskalpaket der Regierung Bush und dem schwachen Dollar beeinflusst. "Zu diesem Zeitpunkt machen diese Effekte eine Prognose der US-Wirtschaft schwierig", so Elmeskov. Doch die OECD bezweifelt, dass dieser kurzfristige Aufschwung andauert.

Deshalb rechnen einige Ökonomen mit einem anderen Szenario: Sandro Merino, Chefanalyst der Schweizer UBS, beurteilt die Aussichten genau umgekehrt: "Wir rechnen mit einer Rezession in den USA, also zwei Quartalen negativen Wachstums." Für Europa sind die Banker zwar negativ eingestellt, aber Länder wie Deutschland dürften die Eurozone vor einer Rezession bewahren. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2008)

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