"Was wissen wir denn noch alles nicht?"

2. September 2008, 11:49
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Ihre 17-jährige schwangere Tochter bringt McCains Vizekandidatin Palin unter Druck - US-Medien fragen, ob sie vor ihrer Nominierung ausreichend überprüft wurde

Das Gerücht war so unerhört, dass das McCain-Lager umgehend handeln musste: Es sei erstunken und erlogen, dass das jüngste Kind Sarah Palins, der vier Monate alte Trig, in Wirklichkeit ein Sprössling ihrer Tochter Bristol (17) sei. Das hatte der linke Blog dailykos.com jüngst inklusive umfangreicher Fotodokumentation berichtet. Wahr sei vielmehr, dass Bristol selbst im fünften Monat schwanger ist. Der Teenager wolle das Kind bekommen und den Kindsvater, ihren Highschool-Freund, heiraten. Die Vizepräsidentschaftskandidatin werde ihre Tochter nach Kräften unterstützen und freue sich, Großmutter zu werden, ließen John McCains Leute wissen.

Nach einer kurzen Schockstarre brach eine Art politischer „Gustav" in den US-Medien los. Hat der republikanische Präsidentschaftskandidat seinen „Running Mate" denn überhaupt ausreichend überprüft? „Was wissen wir denn noch alles nicht über Gouverneurin Palin?", fragte George Stephanopoulos, ehemals Pressesprecher Bill Clintons und nun Kommentator auf ABC, stellvertretend für alle.

So einiges, wie sich am Dienstag herausstellte. Da wäre einmal „Troopergate". Palin soll ihr Amt als Gouverneurin dazu missbraucht haben, gegen ihren Ex-Schwager zu intervenieren. Sie und ihr Büro hätten beim Polizeichef Alaskas auf die Entlassung des State Troopers gedrängt, der in einen Rosenkrieg mit Palins Schwester verstrickt war. Eine offizielle Untersuchung läuft dazu.

Krisenteam nach Alaska

Wie im Fall der schwangeren Tochter beteuert ein Sprecher McCains aber, dieser habe schon vor der Nominierung Palins davon gewusst, die Vorfälle allerdings nicht als Ausschließungsgrund gesehen. Sicherheitshalber schickte McCains Kampagne am Dienstag dennoch Anwälte und ein zehnköpfiges Krisenteam nach Alaska, um die Geschichte in den Griff zu bekommen.

Die Washington Post meldete indes, dass Palin als Bürgermeisterin von Wasilla eine Lobbyingfirma beschäftigt habe, um in Washington 27 Millionen Dollar an Bundesmitteln für ihre Stadt lockerzumachen. Und das, obwohl sie sich als Außenseiterin präsentiere und vor allem McCain hochoffiziell gegen solche Praktiken zu Felde ziehe. Auf ABC wiederum bestätigte ein Offizieller der Alaskan Independence Party, dass die Republikanerin in den 1970er-Jahren Mitglied seiner Partei gewesen sei, die für die Unabhängigkeit Alaskas von den USA eintritt.

Nach Alaska selbst sind neben McCains Krisenteam inzwischen auch dutzende investigative Reporter gereist, die dort jeden Stein umdrehen. A.B. Culvahouse, McCains Chefrechercheur, glaubt dennoch nicht, dass weitere Unannehmlichkeiten auftauchen könnten. Auf die Frage, ob nun schon alles bekannt sei, sagte Culvahouse: „Ja. Ich glaube ja." Die Demokraten dagegen ließen wissen, dass die McCain-Kampagne nicht einmal die Lokalzeitungen aus Palins Bürgermeisterzeit überprüft habe.
Mit Spannung wird nun auf Palins Rede heute, Mittwoch, auf dem Parteitag der Republikaner in St. Paul gewartet. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass sich die Gouverneurin, die als versierte Rednerin gilt und - zumindest beim Basketball - den Spitznamen „Sarah Barracuda" trug, dort offen verteidigen wird.

Die republikanische Basis scheinen die Auseinandersetzungen über Palins Vita vorerst nicht zu irritieren. Im August hat McCain mit 47 Mio. Dollar einen Spendenrekord verbuchen können. Zehn Millionen davon kamen herein, nachdem er Palin am Freitag nominiert hatte. (Christoph Prantner aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2008)

 

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    Bristol Palin (re.) hält den vier Monate alten Trig, während McCain (li.) ihre Mutter (Mitte) als Vizekandidatin präsentiert. Bristols nun bekanntgewordene Schwangerschaft bringt McCain unter Druck.

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