Bis zu 21.000 Burgenländer können nicht richtig lesen und schreiben

2. September 2008, 15:42
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Kampagne "LernBar" der VHS soll auf das Thema Analphabetismus aufmerksam machen - Österreichweit sind bis zu 300.000 Personen betroffen

Eisenstadt - "Was Hänschen nicht lernt ..." - dieser Satz stimmt nicht. Es sei nämlich durchaus möglich, dass man auch als Erwachsener noch lesen, schreiben und rechnen lernen kann und es auch tun sollte. Eine Kampagne der Burgenländischen Volkshochschulen soll ab nächster Woche auf das Problem "funktionaler Analphabetismus" aufmerksam machen. Immerhin sind bis zu 21.000 Burgenländer davon betroffen, so VHS-Geschäftsführerin Christine Teuschler bei einer Pressekonferenz am Montag in Eisenstadt.

Ausreden aus Angst und Scham

"Ich find' grad meine Brille nicht", das ist nur eine der vielen Ausreden, die Betroffene parat haben, wenn es darum geht, ein Formular auszufüllen oder den Fahrplan zu lesen. Irgendwie sind sie durch die Schulzeit "gerutscht", irgendjemand hilft immer im Alltag. Aus Angst und Scham verheimlichen die Betroffenen, dass sie nicht lesen und schreiben können. "Manche können nur einzelne Buchstaben nicht, andere können zwar Texte lesen, verstehen sie aber nicht. So gut wie alle haben negative Lernerfahrungen gemacht. Ihnen wurde etwa ständig gesagt, dass sie zu blöd sind und irgendwann haben sie das verinnerlicht", so die Beraterin Manuela Frey.

Neben der Sensibilisierungskampagne gibt es auch ein Angebot für die Betroffenen. In kostenlosen Kursen erfolgt das Training zuerst in Einzelstunden und dann in Kleingruppen, in denen der Hauptschulabschluss nachgeholt werden kann. Für jeden Teilnehmer werden individuelle Lernunterlagen erstellt, erklärte Frey. Unterrichtet wird in der "LernBar" und diese erinnert recht wenig an Schule, nachdem dort viele Betroffenen schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Bis zu 300.000 ÖsterreicherInnen betroffen

Von funktionalem Analphabetismus spricht man, wenn nach dem mehr oder weniger erfolgreich absolvierten Schulbesuch das Vergessen einsetzt oder sinnerfassendes Lesen nie gelernt wurde. Die Hintergründe seien vielfältig: Häufiges Fehlen in den ersten Schuljahren, familiäre Probleme, Teilleistungsschwächen zählen etwa dazu, so Teuschler. Den Alltag und die Anforderungen am Arbeitsmarkt zu bewältigen, wird zur Herausforderung. Es droht eine Abwärtsspirale.

Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich rund 300.000 nicht ausreichend lesen und schreiben können. Im Burgenland gebe es zwischen 10.500 bis 21.000 funktionale Analphabeten, so Teuschler. Die Kampagne der VHS beginnt am Weltalphabetisierungstag, den 8. September, in der Fußgängerzone Eisenstadt. Neben Sensibilität für das Thema wären aber auch Änderungen im Schulsystem wie etwa eine Individualisierung notwendig, meinte die VHS-Geschäfsführerin. Sie würde sich zudem wünschen, dass generell mehr gelesen wird.

Kampagne läuft bis September 2009

Im vergangenen Schuljahr wurden in den burgenländischen VHS 152 Beratungsgespräche zum Thema Analphabetismus geführt. 66 Personen nahmen das Angebot zum Training an. Ein Drittel der Teilnehmer hat Deutsch als Muttersprache.

Die Kampagne "LernBar" der VHS läuft bis September 2009 und wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und dem Land Burgenland finanziert. Die Initiatorinnen hoffen auf eine Verlängerung zumindest bis zum Ende des Phasing Out im Burgenland. (APA)

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    Rund 300.000 ÖsterreicherInnen können nicht ausreichend lesen und schreiben.

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