Mariazell: Wallfahrt zum Antisemiten

1. September 2008, 19:27
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Pater-Abel-Denkmal weiter ohne Zusatztafel

Wien - Die Wege des Herrn sind oft unergründlich, die seiner irdischen Vertreter mitunter langwierig. Eine vor gut einem Jahr angekündigte kritische Zusatztafel an dem Denkmal des ob seiner antisemitischen Äußerungen umstrittenen Jesuitenpaters Heinrich Abel in Mariazell ist bis heute dort nicht platziert worden. Die Diskussion um Pater Abel, der Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirkte, entbrannte zu einem ungünstigen Zeitpunkt Anfang September des Vorjahres. Der Besuch von Papst Benedikt XVI. stand unmittelbar bevor, und plötzlich lagen Schatten über Mariazell.

War man doch stets von kirchlicher Seite bemüht, das Bild von Pater Abel als katholischen Seelsorger, der höchst erfolgreich Männerwallfahrten nach Mariazell organisiert hat, zu wahren. Dass der "Männerapostel von Wien" auch immer wieder gegen Juden auftrat und seine Predigten von antisemitischen Bemerkungen durchsetzt waren, wurde gerne ignoriert. Als sich dann 2007 der Heilige Vater ankündigte und die Diskussion über Pater Abel aufkeimte, stieg die Nervosität.

Erich Leitenberger, Sprecher von Christoph Kardinal Schönborn, kündigte am 2. September 2007 in der Fernsehsendung "Orientierung" eine erklärende Zusatztafel zum Denkmal an. Bis dato gibt es aber keine Tafel in Mariazell, nur einen entsprechenden Textentwurf in Wien: "Pater Heinrich Abel hat sich für die Menschen seiner Zeit eingesetzt. Das hat seine Zeitgenossen bewogen, ihm dieses Denkmal zu errichten. Seine Äußerungen über die jüdischen Menschen waren aber oft abwertend, verachtend, verständnislos, ja hasserfüllt. Wir bedauern Pater Abels antijüdische Äußerungen und bitten Gott und die jüdischen Menschen um Vergebung." Eine angekündigte Stellungnahme der Erzdiözese Wien blieb bis Montag aus. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD - Printausgabe, 2. September 2008)

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