Bildung: Raus aus dem parteipolitischen Kastldenken!

1. September 2008, 19:27
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Eine Erwiderung auf Karl Heinz Grubers insbesondere an die Adresse der ÖVP gerichteten schulreformerischen Empfehlungen "Raus aus dem bildungspolitischen Kindergarten!" - Ein Kommentar der anderen

Sehr geehrter Herr Kollege Gruber! Zunächst einmal möchte ich mich auch namens der Expertenkommission für ihre vorläufige Gesamtbewertung unserer Arbeit bedanken. Sie finden in den ersten zwei Zwischenberichten immerhin "allerhand Plausibles und Wünschenswertes" aufgelistet. Weiters bin ich bei Ihnen, wenn Sie von uns - falls es die Kommission bzw. mich nach den Wahlen noch gibt - „bis 2010 eine umfassende, solide, autoritative Basis für die Weiterentwicklung des österreichischen Schulwesens" verlangen. Das ist okay.

Was mich als Person betrifft, so beruht Ihr Urteil  „(...) der bringt das Kunststück fertig, als von der SP-Bildungsministerin bestellter Kommissionsvorsitzender für die Gesamtschule zu plädieren und gleichzeitig dem Personenkomitee des erbitterten Gesamtschulgegners Wilhelm Molterer anzugehören" auf mangelhaften Informationen und einer stark parteipolitisch geprägten Sicht der Bildungsentwicklung. Erstens habe ich seit 1970 innerhalb wie außerhalb der ÖVP unter allen ihren Parteivorsitzenden lautstark und öffentlich für die Gesamtschule plädiert. 1974 sogar im Plan 4 zur Lebensqualität unter Schleinzer und damals noch gemeinsam mit Wolfgang Schüssel und Fritz Neugebauer. In meiner Zeit als Schulratspräsident habe ich in Graz auch die Verbundschulen mit einer AHS-Unterstufe und - jetzt - fünf Hauptschulen eingeführt. Auch jetzt steht die steirische VP hinter den Modellversuchen zur Neuen Mittelschule. Zweitens hat mich Frau Ministerin Schmied ausdrücklich als einen VP-Bildungspolitiker in ihre Kommission geholt und mich zu keiner Zeit "roter" machen wollen, als ich bin. Parteipolitik war in der Kommission überhaupt nie ein Thema.

Und schließlich kenne ich Wilhelm Molterer seit vielen Jahren als ehrlichen, seriösen und kompetenten Politiker, der nach einer ersten „Schrecksekunde" im vorigen Jahr, als er glaubte, die SPÖ (und ich) wollten die Gesamtschule über Nacht flächendeckend einführen, gemeinsam mit Frau Ministerin Schmied und Minister Hahn zu einer ganzen Reihe von interessanten bildungspolitischen Maßnahmen bereit war. Ich erinnere nur an die Einführung der Bildungsstandards, die Lehre mit anschließender Matura, die langsame Annäherung bei der gemeinsamen Ausbildung der Mittelstufenlehrer oder das kostenlose „Vorschuljahr" im Kindergarten.

Frau Schmied selbst hat in einem Interview in der Presse vor wenigen Tagen völlig richtig darauf hingewiesen, dass mein Engagement in der ÖVP mithelfen würde, eine bessere Vertrauensbasis herzustellen, um die dortigen Reformkräfte zu stärken. Die SPÖ muss ich in Sachen Gesamtschule - zumindest im Großen und Ganzen - ja nicht überzeugen. Mit einem Wort, Sie brauchen sich weder für die Vergangenheit noch für die Zukunft - falls es eine solche in der Expertenkommission gibt - Sorgen um meine „akrobatischen" Fähigkeiten zu machen, den Spagat zwischen „SP-Schmied" und „VP-Molterer" hinzukriegen. So, wie ich mir hoffentlich keine Sorgen machen muss, dass Sie allzu sehr der österreichischen Kasterlsicht verfallen sein könnten, die nur noch rote oder schwarze Schulpolitik kennt. Ich habe mich um solche Einteilungen mein ganzes schulpolitisches Leben hindurch nicht gekümmert und werde das auch in Zukunft nicht tun.  Darin weiß ich mich im Übrigen mit Kurt Scholz und Andreas Salcher einer Meinung. (Bernd Schilcher, DER STANDARD-Printausgabe, 2. September 2008)

*Der ehemalige steirische Landesschulratspräsident und Vordenker der ÖVP leitet seit 2007 die Expertenkommission zur Schulreform.

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    Bildungsreform als parteipolitischer Balanceakt: oben "SP-Schmied" unten "VP-Molterer", dazwischen "Akrobat" Schilcher?

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