"Ein Minarett hätte nicht dazugepasst"

1. September 2008, 19:17
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Nach sieben Jahren Bauzeit ist der erste islamische Friedhof des Landes fertig - Er wird demnächst in Wien-Liesing eröffnet

 Jeder Zweite der in Wien verstorbenen Muslime wurde bisher im Ausland bestattet.

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Wien - Eine graue Mauer, ein schlichter Ziegelbau, eine grüne Wiese - auf den ersten Blick sieht hier alles nach klassischer Vorstadt aus. "Das soll auch so sein", sagt Omar Al-Rawi, "wir wollen keinen Zweifel daran lassen, dass wir in Wien zu Hause sind, ein Minarett hätte da nicht dazugepasst."

Der SPÖ-Gemeinderat und Integrationsbeauftragter der islamischen Glaubensgemeinschaft kämpft seit Jahren für einen Friedhof für Muslime in Wien. Am 3. Oktober ist es so weit: In Liesing wird der erste rein islamische Friedhof des Landes feierlich eröffnet. "Das war ganz schön knapp", sagt Al-Rawi, "fast wären die Vorarlberger, die ja auch einen islamischen Friedhof bauen, vor uns fertig geworden."

Fast 20 Jahre lang bemühte sich die islamische Glaubensgemeinschaft in Wien um einen eigenen Friedhof, 2001 schenkte ihr die Stadt das 34.000 Quadratmeter Grundstück in der Großmarktstraße im 23. Bezirk. Eine Million Euro war für die Realisierung des Projekts notwendig. Da die Glaubensgemeinschaft, die in Wien rund 200.000 Mitglieder zählt, keine Kirchensteuer einhebt, war man diesbezüglich auf Sponsoren angewiesen. Der OPEC Fund sowie die Staaten Katar und Saudi-Arabien griffen den Wiener Muslimen schließlich finanziell unter die Arme.

"Wurzeln geschlagen"

5000 Menschen können auf dem Grundstück begraben werden. Die Toten sollen hier - gegen die Gepflogenheiten auf den meisten anderen Friedhöfen der Stadt - für immer unter der Erde bleiben. "Es ist im islamischen Glauben sehr wichtig, dass die Überreste am gleichen Ort bleiben", sagt Al-Rawi.

Für den SP-Politiker ist der Umstand, dass in Wien lebende Muslime auch hier begraben werden wollen, "ein Symbol dafür, dass wir hier Wurzeln geschlagen haben." Bisher wurde ein Gutteil der zugewanderten Muslime allerdings in ihrer alten Heimat bestattet.

Während Mitte Oktober die ersten Begräbnisse stattfinden können, ist die Leichenhalle des neuen Friedhofs schon seit längerem im Betrieb: Weil die Gebäude am Zentralfriedhof, in denen die muslimischen Toten bislang gewaschen wurden, umgebaut werden, bringt man die muslimischen Toten schon jetzt zur Waschung nach Liesing. Über die Hälfte der rund 100 Verstorbenen, die pro Jahr im 23. Bezirk gewaschen werden, wird im Ausland bestattet. Viele ältere Menschen haben bereits vor Jahren Versicherungen abgeschlossen. Und Länder wie Syrien und Ägypten kommen von sich aus für sämtliche Überführungskosten auf. Mit dem Friedhof werde sich die Zahl der in Wien lebenden Muslime, die anderswo begraben werden, aber drastisch senken, sagt Al-Rawi. "Die zweite Generation hat ja oft keinen Bezug mehr zum Land ihrer Eltern, will aber trotzdem auf einem islamischen Friedhof begraben werden."

Obwohl bereits in der Bauphase Vandalenakte verübt wurden, soll der Friedhof nach außen hin nicht mehr abgeschottet werden als unbedingt notwendig. An drei Seiten mit grauen Mauern begrenzt, bleibt die Seite zum Liesingbach offen. "Das ist, glaube ich, sehr wichtig", sagt Al-Rawi "und auch, dass wir auf Überwachungskameras verzichten. Wir kommen ja fast alle aus diktatorischen Ländern und schätzen Freiheit deshalb ganz besonders." (Martina Stemmer, DER STANDARD - Printausgabe, 2. September 2008)

  • Ein roter Backsteinbau auf grüner Wiese: Das Projekt des islamischen
Friedhofs wurde vom OPEC Fund, Katar und Saudi-Arabien mitfinanziert.
    foto: standard/robert newald

    Ein roter Backsteinbau auf grüner Wiese: Das Projekt des islamischen Friedhofs wurde vom OPEC Fund, Katar und Saudi-Arabien mitfinanziert.

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