Frauen wählen ein bisschen anders

1. September 2008, 19:08
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Wer vergangene Nationalratswahlen analysiert, kann daraus interessante Erkenntnisse für die heurige Wahl ziehen: Ein Überblick über "Gender Gaps" und weibliches Wahlverhalten

Vier Wochen vor den Wahlen kursieren Umfragewerte, Sympathiewerte, Prozentsätze und Prognosen für den 28. September. Was (zumindest außerhalb der Parteizentralen) nur wenig analysiert wird, sind jedoch die Wahlergebnisse und Wählerströme der vergangenen Nationalratswahl. dieStandard.at hat sich daher die Entwicklungen und demographischen Details der vergangenen Wahlen unter dem Gender-Aspekt noch einmal angesehen. Ein Überblick über das weibliche Wahlverhalten.

3.299.881 Frauen sind bei der Nationalratswahl 2008 wahlberechtigt, im Vergleich zu 3.029.687 Männern. Dieser Überhang ist nichts Neues: Schon 2006 hatten die Wählerinnen mehr Gewicht. Damals durften 3.197.989 Frauen und 2.909.697 ihre Stimme abgeben.

Männerparteien

Wer die Ergebnisse der Wahl 2006 betrachtet, kann einige Auffälligkeiten auf den ersten Blick erkennen: Manche Parteien sind regelrechte Männerparteien, andere punkten stark im (vor allem gut gebildeten) weiblichen Wählerkreis. Als typische "Männerpartei" entpuppte sich etwa die FPÖ, die 13 Prozent bei den Wählern erreichte, nur neun Prozent hingegen bei den Frauen. Die ÖVP erlitt 2006 bei Männern mit minus 11 Prozent weit höhere Verluste als bei Frauen (minus sechs Prozent). In der schwarzen WählerInnenschaft sind Frauen mit 54 Prozent generell stärker vertreten als Männer.

Grüne vorne

Auch bei der SPÖ gibt es einen Überhang, 56 Prozent der WählerInnenschaft sind weiblich. Der höchste absolute Frauenanteil findet sich bei den Grünen, nämlich 57 Prozent. Die Grünen verzeichneten außerdem die höchsten Stimmenanteile bei jungen und berufstätigen Frauen, nämlich 24 Prozent. Bei Akademikerinnen waren es sogar 30 Prozent.

"Gender Gap" nimmt ab

Dennoch ist ein Trend erkennbar, dass geschlechtsspezifische Unterschiede im Wahlverhalten weniger werden. Im Vergleich zu 2002 sind die Differenzen abnehmend. Damals sprachen PolitologInnen sogar noch von einer "Gender-Polarisierung". Dieser "Gender Gap" ist allerdings kein rein österreichisches Phänomen. Bereits in den 70er Jahren hatten PolitologInnen das Phänomen in den USA beobachtet. Am Höhepunkt war die Entwicklung in Österreich bei den Nationalratswahlen 1999. Die männlichen und weiblichen WählerInnenstimmen unterschieden sich um 24 (Prozent)punkte. Grund dafür war unter anderem die starke Ablehnung gegenüber der FPÖ von Seiten der Wählerinnen.

Rechts und Links

Deutlicher wird der Gender-Gap bei den Wahlen 2006, wenn man sich das Wahlverhalten unterschiedlicher Bildungsstufen ansieht. Verkürzt gesagt wählen Männer mit niedrigem Bildungsgrad eher Parteien im Mitte-Rechts-Sektor (ÖVP, FPÖ, BZÖ), Frauen in niedrigeren Bildungsstufen vorrangig Mitte-Links-Parteien (SPÖ, Grüne). Bei den WählerInnen mit Uni-Abschluss ist das Wahlverhalten nach Gender-Gesichtspunkten wieder einigermaßen ausgeglichen – die Ablehnung gegenüber rechten Parteien ist, unabhängig vom Geschlecht, relativ hoch. (az/dieStandard.at, 1.9.2008)

Buchtipp

Wechselwahlen. Analysen zur Nationalratswahl 2006.
Fritz Plasser, Peter A. Ulram
facultas-Verlag
ISBN 978-3-7089-0016-2

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    Foto: APA/Techt

    Frauen wählen manchmal anders - auch wenn die aktuellen Ergebnisse an die Hochphase des Gender Gaps, nämlich die Nationalratswahl 1999, nicht heranreichen.

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