Ungarn: Partei ohne Nachwuchs

1. September 2008, 18:18
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Welche Politik Orbán verfolgen wird, bleibt unklar, zu verwirrend waren bisher seine Botschaften - von Kathrin Lauer

Mit dem voraussichtlichen Ende der Ära des neoliberalen Sozialisten Gyurcsány geht Ungarn in eine ungewisse Zukunft. Ob es zunächst eine ideologiefreie Expertenregierung geben wird oder gleich vorgezogene Neuwahlen - sicher scheint, dass die rechtsnationale Fidesz von Ex-Premier Viktor Orbán die nächste Wahl gewinnt. Welche Politik Orbán verfolgen wird, bleibt unklar, zu verwirrend waren bisher seine Botschaften - purer Linkspopulismus vermischt mit nationalistischen Parolen. Lösungen für die darniederliegenden Staatsfinanzen präsentierte er nicht. Reformen sind von ihm nicht zu erwarten.

Bei den Sozialisten (MSZP), die Gyurcsány bisher zum Machterhalt benutzt haben, zeigt sich einmal mehr, dass die Partei seit mehr als einem Jahrzehnt stagniert. Keiner kann derzeit in der MSZP einen Hoffnungsträger für die Nachfolge Gyurcsánys nennen. Seit dem faktischen Ausscheiden von Gyula Horn - dem legendären Außenminister der Wende und Reform-Premier von 1994 bis 1998 - gab es in der MSZP keinen Generationswechsel, keine Übergabe der Verantwortung an Jüngere.

Dies wurde schon 2002 sichtbar, als der parteilose Péter Medgyessy für die Sozialisten die Wahl gewann, weil die Ungarn Orbáns Arroganz satt hatten. Die Kandidatur des farblosen Medgyessy war eine Notlösung angesichts des Personalmangels in der MSZP. Dasselbe gilt für Gyurcsány. Die MSZP ließ den Parteineuling kandidieren, weil sie niemand anderen hatte. Er hatte genügend Dynamik, um Wahlen gewinnen zu können. Mehr wollten die Sozialisten von ihm nicht. Sein Programm war Nebensache. Auch deswegen ist er gescheitert. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2008)

 

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