Das Comeback von CNN

1. September 2008, 18:18
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Erstmals seit sechs Jahren sahen mehr US-Bürger CNN als Rupert Murdochs konservativen Nachrichtenkanal Fox News - Den Parteitag der Demokraten in Denver verfolgten an die 40 Millionen Menschen in den USA

Tausendmal gesendet, hundertfach parodiert wurde der Werbeslogan des US-Nachrichtensenders CNN im Wahljahr 2008: "The best political team on television" - "Die besten Politikexperten im Fernsehen". Da mögen Late-Night-Talker und TV-Satiriker wie Jon Stewart spotten; Amerikas Fernsehzuschauer haben Cable News Network, dem größten Nachrichtensender der Welt, ein furioses Comeback beschert nach schrumpfenden Quoten und Gewinnen.

Im Vergleich zum Wahljahr 2004 konnte CNN jetzt seine Einschaltquoten um 85 Prozent steigern. Den Parteitag der Demokraten in Denver verfolgten mehr Zuschauer auf CNN als auf allen anderen Kanälen, einschließlich der "großen drei" des US-Fernsehens, ABC, NBC und CBS. 5,4 Millionen Zuschauer sahen die Nominierungsrede von Barack Obama auf CNN - und nur 689.000 auf Fox News Channel, dem stramm konservativen, Bush-treuen Konkurrenten von CNN. Insgesamt verfolgten rund 40 Millionen Menschen in den USA die gigantische Polit-Party, mehr als bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking, dem Finale von „American Idol" oder der Oscar-Verleihung.

Im ersten Quartal 2008 hatte CNN erstmals seit sechs Jahren im Hauptabend mehr Zuschauer als Fox News. Im zweiten Quartal lag CNN wieder dahinter, übertraf den Murdoch-Kanal aber im Monatsschnitt.

CNN-Verkauf erwogen

Zum CNN-Universum gehören neben CNN/U.S., dem Flaggschiff-Programm, das nur in Nordamerika zu empfangen ist, noch 22 weitere Nachrichten-Plattformen, darunter CNN International, jene Programmschiene, die in Europa und Nahost gesendet wird, oder CNN.com, die am häufigsten besuchte Nachrichtenwebsite der Welt. Zwei Milliarden TV-Zuschauer erreicht CNN in 200 Ländern.

CNN wurde 1980 vom Medien-Tycoon Ted Turner gegründet. "Damals war CNN ein kleiner Sender mit schmalem Budget und einer revolutionären Aufbruchstimmung", erinnert sich Jonathan Mann, Moderator für CNN International. Doch schon wenige Jahre später wurde CNN zum Ort, an dem die Welt den Fall der Berliner Mauer, den ersten Golfkrieg und das Ende der Apartheid in Südafrika miterlebte. "Wir haben die Art und Weise geändert, wie die Menschen Geschichte wahrnehmen", betont Mann. Das Konzept ging auf - und wurde kopiert. Von Fox und MSNBC in den USA, BBC World, Sky News, n-tv oder N24 in Europa. Allein in Indien gibt es heute mehr als 25 Nachrichtenkanäle.

CNN suchte seine Rolle in dieser neuen Nachrichtenwelt, fuhr die harte politische Berichterstattung zurück, sendete mehr Talk, wurde zur liberalen Version von Fox News. Von 2000 bis 2003 sanken Quoten und Gewinne. Mutterkonzern Time Warner erwog gar, den Nachrichtensender abzustoßen.

Doch dann besann sich CNN auf seine Qualitäten: Nachrichten - "kombiniert mit ständiger Innovation und neuesten Technologien", sagt David Bohrman, Politikchef des US-Senders. CNN war einer der ersten TV-Sender, der E-Mails, Blogs, Video- und Fotomaterial von Zuschauern einbezog. ATV und Puls 4 versuchen Videofragen übrigens nun zur Nationalratswahl.

Die Quoten im Wahljahr 2008 steigen weiter. Logisch, findet Bohrman: "Schließlich haben wir die politische Berichterstattung im Fernsehen neu definiert." Bescheidenheit zählte noch nie zur Unternehmenskultur von CNN. (Katja Ridderbusch aus Atlanta, DER STANDARD; Printausgabe, 2.9.2008)

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    "Change" auch im Nachrichten-Biz: "CNN am Times Square.

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