Gebündelte Kollektivkraft

1. September 2008, 17:47
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Die Berliner Philharmoniker in Salzburg

Salzburg - Man ist gewohnt, ein Orchester quasi als kollektive Person wahrzunehmen. Zu erleben, welche individuelle Vielfalt da im Grunde zu Werke geht, um die Idee jenes Typen da vorn umzusetzen, ist dann mitunter überraschend. In Trip to Asia - Die Suche nach dem Einklang, nach Rhythm is it! nun der zweite Film, den es von Regisseur Thomas Grube über die Berliner Philharmoniker gibt, wird man durch Interviews daran erinnert, was an Vielfalt hinter so einem Kollektiv steckt.

Der Typ da vorn, Sir Simon Rattle, ist auch als Überraschter zu erleben. Aber eher vom Gegenteil. "Die Idee, dass so viele Egos zusammenkommen in diesem einen Moment und sagen, Ja, da geht's lang!‘, das ist immer wieder ein erstaunlicher Vorgang." Beim Salzburger Festspielfinale, das immer die Berliner Philharmoniker bestreiten, war diese Bündelung der individuellen Kräfte zur Einheit zu erleben. Olivier Messiaens Turangalîla-Symphonie ist natürlich viel zu vielschichtig und wandelbar, als dass nicht auch Platz bliebe für individuelle Entfaltung des Einzelnen. Rattle organisiert das mit jener für ihn charakteristischen Dauerinnenspannung. Sie überträgt sich auf das Kollektiv, und man vernimmt eine überbordende Demonstration von Ausdrucksvielfalt. Da sind die druckvoll sich dahinwälzenden Massen, die pittoresken Momente. Und wenn sich Tristan Murail auf dem Ondes Martenot zum Kollektiv gesellt, um dieses seltene Instrument in den Dienst des Schummrigen zu stellen, dann scheint das Werk bei etwas ganz Eigenem angelangt.

Da ist natürlich auch Pianist Pierre-Lauren Aimard. Er bewältigt seinen Part mit Klarheit und Exaktheit, schafft es aber auch, jene nötige Intensität abzurufen, die erforderlich ist, um in diesem orchestralen Klangkosmos nicht unterzugehen. Als Einstimmung - alles andere als unpassend zu Messiaen - Wagners Tristanvorspiel und Liebestod, als solide Umsetzung von Ekstase. Da warf Messiaen vielleicht schon seine Schatten voraus. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 02.09.2008)

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