"Ich bin wirklich nicht rachsüchtig"

1. September 2008, 18:28
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Jörg Haider tritt an, um Österreich vor einer "schrecklichen Regierung" zu bewahren - Anleihe nimmt er bei Hans Sachs aus Richard Wagners "Meistersingern" - STANDARD-Interview

STANDARD: Wir haben Ihnen etwas mitgebracht. Ein Glas original Kärntner Bienenhonig. Ewald Stadler hat Ihr BZÖ einmal als „Bienenzüchter Österreichs" verunglimpft. Jetzt kandidiert er auf Ihrer BZÖ-Liste. Ist das nicht unglaubwürdig?

Haider: Das ist eine Auszeichnung. Die Biene ist eines der nützlichsten Tiere. Die Bienen sind ein Vorbild für die Organisation eines Staates. Sie sind bienenfleißig, aber sie haben auch die gute Eigenschaft, dass sie die Drohnen hinausschmeißen, damit ihr Staat nicht zu viele Parasiten hat. Der Ewald will halt jetzt auch ein Bienenzüchter werden.

STANDARD: Stadler wollten Sie doch „rechts liegenlassen". Ist er jetzt vom Saulus zum Paulus geworden?

Haider: So war es nicht. Der Ewald war damals enttäuscht, weil wir ihn nicht in unsere BZÖ-Vorbereitungen eingeweiht hatten. Er war seit 1986 an meine Seite, und gemeinsam waren wir immer Hauptakteure in der FPÖ.

STANDARD: Sie wollten doch das Dritte Lager wieder einen.

Haider: Das Dritte Lager ... Diese Debatte ist eine Chimäre. Das Dritte Lager hat 1986, als ich angetreten bin, etwa fünf Prozent gehabt und ist wahrscheinlich jetzt noch kleiner. Das, was unsere Stärke ausmacht, sind die Wähler, die uns aus der ÖVP und der SPÖ und aus dem Nichtwählerbereich zugewandert sind.

STANDARD: Drittes Lager hin oder her. Da gibt es einen Bruderzwist zwischen FPÖ und BZÖ. Heinz-Christian Strache wirft Ihnen vor, Sie wären ein Familienvater, der seine Familie im Stich gelassen hat.

Haider: Es gibt keine politischen Lager mehr. Es gibt seit 2006 mit dem BZÖ eine zusätzliche Partei, die teils idente Vorstellungen mit der FPÖ hat, teils auch ganz andere.

STANDARD: Warum wollen Sie es unbedingt noch einmal in der Bundespolitik wissen? Sie sind ein reicher Gutsbesitzer, Sie sitzen als Landeshauptmann von Kärnten gut im Sattel, und Sie wollen ohnehin nur in Kärnten bleiben.

Haider: Weil mir die Österreicher leidtun. Weil sie von einer schrecklichen Regierung seit zwei Jahren hingehalten werden, und weil wir in den nächsten Jahren wahrscheinlich keine einfachen Zeiten haben werden. Ich bin halt das seltsame Geschöpf, das sich über die Probleme anderer Leute noch Gedanken macht und nicht nur an das eigene Wohlergehen denkt.

STANDARD: Mit wem würden Sie am liebsten regieren?

Haider: Ich schließe überhaupt niemanden aus.

STANDARD:  Würden Sie auch mit SPÖ-Chef Werner Faymann Spargel essen gehen?

Haider: Ich weiß nicht, ob er Spargel mag. Aber ich könnte genauso mit dem Herrn Molterer zusammensitzen.

STANDARD: Bevor Sie Ihre Spitzenkandidatur bekanntgaben, waren Sie bei den Bayreuther Festspielen. Was haben Sie sich angehört?

Haider: Die „Meistersinger" und „Tristan und Isolde". Das habe ich sehr genossen in dieser großen Familie der Wagner-Fans.

STANDARD: „Habt Acht! Uns dräuen üble Streich: zerfällt erst deutsches Volk und Reich, in falscher welscher Majestät kein Fürst bald mehr sein Volk versteht, und welschen Dunst mit welschem Tand sie pflanzen uns in deutsches Land_..." Kennen Sie das?

Haider: Das ist ... aus den „Meistersingern". Hans Sachs.

STANDARD: Das große Schlusslied des Hans Sachs, das von den Nazis politisch missbraucht wurde.
Haider: Es ist sehr schwierig, Wagner zu interpretieren. Faktum ist aber, dass er ein Kind seiner Zeit war. Und dann war da auch der Wille des Zusammenführens der Deutschen in einem Staat, in einem Reich.

STANDARD: Mit welcher „Meistersinger"-Figur könnten Sie sich identifizieren? Mit dem alten Schuhmacher- und Liedermeister Hans Sachs, dem Junker Walther von Stolzing, der aus Liebe die Meisterwürde erlangen will, oder mit dem intriganten Sixtus Beckmesser?

Haider: Mit dem Hans Sachs. Er vertritt als moralische Institution die ehrwürdige Tradition der Meistersinger, aber er ist auch Neuem gegenüber aufgeschlossen. Auch mich prägen Tradition und Heimatbewusstsein. Aber ich kann auch loslassen.

STANDARD: Und Heinz-Christian Strache wäre der Beckmesser?

Haider: Nein. Strache ist Stolzing.

STANDARD: Aber der kriegt ja am Ende die Braut, und Hans Sachs schaut durch die Finger.
Haider: Ich bin wirklich nicht rachsüchtig.

STANDARD: Sie haben Saddam Hussein und Gaddafi besucht, sind bundespolitisch aktiv und überlegen eine EU-Kandidatur. Ist Ihnen Kärnten zu klein?

Haider: Auch andere Landeshauptleute fahren herum. Aber meist dorthin, wo nichts zu holen ist.

STANDARD: Was war Ihr größter Glücksfall?

Haider: Dass ich eine Frau habe, die mein hektisches Leben er- und mitträgt.

STANDARD: Nicht die Erbschaft des Bärentals, die ja zunächst ein Verwandter von Ihnen kriegen sollte?

Haider: Das hat natürlich meine politische Handlungsfreiheit erweitert. Da sieht man, wie klug mein Onkel war.

STANDARD: Was hat Kärnten, was Ihre eigentliche Heimat Bad Goisern nicht hat?

Haider: Ich wollte immer nach Kärnten. Eigentlich sollte ich Notar in Gurk werden. Das war mir dann aber doch zu langweilig.

STANDARD: Warum gestehen Sie tschetschenischen Asylwerbern nicht zu, in Kärnten ihre Wahlheimat zu finden?

Haider: Das ist etwas qualitativ anderes. Wer unser Gastrecht missbraucht, muss gehen.

STANDARD: Auch wenn man unschuldig ist?

Haider: Die waren nicht unschuldig. Diese Urteil des unabhängigen Verwaltungssenats werden wir beeinspruchen.

STANDARD: Der Honig stammt übrigens aus dem zweisprachigen Gebiet Kärntens und schmeckt köstlich. Wann werden Sie endlich die fehlenden zweisprachigen Ortstafeln aufstellen?

Haider: Wir habe all unsere gesetzlichen Verpflichtungen erfüllt. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2008)

ZUR PERSON: Jörg Haider, 1950 in Bad Goisern geboren, übernahm 1986 die FPÖ, baute sie zur zweitstärksten Partei Österreichs auf und führte die Blauen 2000 in eine Regierung mit der ÖVP. Nach dem Putsch von Knittelfeld spaltete Haider 2005 das orange Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) von der FPÖ ab. Haider ist seit 1999 wieder Kärntner Landeshauptmann.

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    foto: standard/eggenberger
  • Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider ist zurück auf der
österreichischen Bühne: "Ich bin halt das seltsame Geschöpf, das sich
um andere Gedanken macht."

    Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider ist zurück auf der österreichischen Bühne: "Ich bin halt das seltsame Geschöpf, das sich um andere Gedanken macht."

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