Krise unter der spanischen Sonne

1. September 2008, 17:32
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Spaniens Wirtschaftskrise zieht weite Kreise. Nicht nur die Auslandsgäste bleiben weg, die Spanier sparen beim Urlaub in der Heimat, wo es nur geht

Erst die Immobilienbranche, jetzt der Tourismus: Spaniens Wirtschaftskrise zieht weite Kreise. Nicht nur die Auslandsgäste bleiben weg, die Spanier sparen beim Urlaub in der Heimat, wo es nur geht.

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Madrid - Es hilft alles nichts. Trotz Angeboten wie "Zwei zum Preis von einem" , "Kinder kostenlos" und "Alles inklusive" sacken die Zahlen des spanischen Tourismusgewerbes in den Keller. Die Hotels sind vielerorts an der Küste nur zu 70Prozent ausgelastet. Für September mangelt es an Reservierungen, und die Gastronomie und der Einzelhandel an den Küsten beklagen einen Einnahmerückgang von 30 Prozent. Im Landesinneren sieht es noch schlimmer aus. In der Mittelmeerregion Valencia vermelden die ländlichen Herbergen und Hotels für Juli eine Auslastung von gerade einmal 17 Prozent.

Das Land auf der Iberischen Halbinsel verzeichnete im Juli einen Rückgang von 11,1 Prozent ausländischer Urlauber. Im Juli kamen 4,8 Prozent weniger Briten, 14,3 Prozent weniger Deutsche und gar 27,2 Prozent weniger Franzosen als noch im Vorjahr. 2007 reisten insgesamt 59,2 Millionen ausländische Besucher nach Spanien.

Auch der einheimische Urlauber, der 50 Prozent der Übernachtungen ausmacht, hält sich zurück. Er verkürzt seinen Ferienaufenthalt. Und statt wie bisher 25 Prozent mehr als die Ausländer auszugeben, sparen die Spanier, wo sie nur können. "Wer die Möglichkeit hat, übernachtet bei Freunden oder verbringt die Ferien im Dorf seiner Eltern. Wer das nicht kann, zieht einem Hotelzimmer ein Apartment vor, da er sich hier selbst versorgen kann" , erklärt der Sprecher der Vereinigung der Tourismusexperten, Doménec Biosca.

Die Restaurants bekommen dies zu spüren. Und selbst Bars und Diskotheken bleiben leer. Wer im Appartement wohnt, geht nur selten aus. Und wer im Hotel übernachtet, trinkt lieber zum Sonderpreis an der Hausbar.

Der Rückgang des Tourismus ist unter anderem die Folge des Einbruchs der Bauindustrie. Diese verzeichnet seit Jahresbeginn eine Stagnation. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die Wohnungskredite werden dank steigender Zinsen ständig teurer.

Mangelnde Modernisierung

Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung. Denn Spaniens Tourismussektor macht elf Prozent des BIP aus. Knapp zehn Prozent der Beschäftigten leben von Sonne und Strand. "Spanien kann sich eine Erkältung im Tourismusgewerbe nicht erlauben" , mahnt der Verband der großen Operatoren, Exeltur. Deren Mitglieder betrifft es besonders hart.

Spaniens größter Hotelbetreiber, Sol Meliá, beklagt einen Gewinnverlust für die ersten drei Monate des Jahres von 41,1 Prozent, die zweite große Kette NH 20 Prozent. Dank des Rückgangs der ausländischen Urlauber steigt das spanische Außenhandelsdefizit um 15Prozent und beläuft sich nun auf 58,6 Mrd. Euro. Neben der Wirtschaftskrise hat Spaniens Tourismusgewerbe auch ein strukturelles Problem. Ein Großteil der Ferienanlagen stammt aus den 70er- und 80er-Jahren. Sie sind veraltet. Die Regierung möchte dem jetzt Abhilfe leisten. 2009 sind Investitionen von 2,5 Mrd. Euro vorgesehen, um Dörfer und Städte sowie Strandanlagen zu renovieren. (Reiner Wandler, Madrid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.9.2008

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    Was für den spanischen Tourismus eine Krise ist, freut die Urlauber im Pool: Wenig Gedränge herrscht diesen Sommer in den Hotels und an den Stränden der Iberischen Halbinsel.

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