"Ist mein Haus ein zweites Mal kaputt, ziehe ich weg"

1. September 2008, 17:14
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Banges Warten in den Flüchtlingsunterkünften - "Am Freitag kamen die Ersten, Samstagmittag hatten wir unser Limit erreicht"

Alexandria - Der Stress steht Diondra Reynaud ins Gesicht geschrieben. Die Augen sind müde, die Haare seit Tagen nicht gewaschen. Die Brille sitzt schief, nachdem Bernell, ihr zweijähriger Sohn, quengelnd daran gezogen hat. Bershell, die vier Jahre alte Tochter, hat Durst. Sie muss sich mit Tee begnügen. Die Limonade, die sie gern hätte, gibt es nicht, was Bershell mit lautstarken Protesten quittiert.

Es ist eng im Coliseum, einer Basketballhalle in Alexandria. Rund tausend grünbespannte Klappliegen stehen auf der Spielfläche, auf der sonst die Rangers ihre Künste vorführen. Am Eingang klebt ein Zettel. "Notlager voll. Keine neuen Anmeldungen." John Keesling, der Direktor des Camps, aus dem Bundesstaat Indiana herbeigeeilt, um zu helfen, beschreibt die Lage in knappen Worten: "Am Freitag kamen die Ersten, Samstagmittag hatten wir unser Limit erreicht."

Sehr redselig ist Keesling nicht. Er weiß ja, welches Bild in den Köpfen steckt, wenn von Hurrikanen und Notunterkünften die Rede ist - der Superdome in New Orleans. Die chaotischen Zustände in der riesigen Arena wurden im Zuge "Katrinas" zum Symbol des Versagens.

Ins Coliseum passt zwar nur ein Bruchteil der Gestrandeten, die sich im Superdome selbst überlassen blieben. Aber wie schon damals landen hier diejenigen, die sich kein Hotelzimmer leisten können und nicht bei Verwandten Aufnahme finden, weil die gesamte Großfamilie an der gefährdeten Golfküste lebt.

Neun Stunden Flucht

Zu neunzig Prozent ist ihre Hautfarbe schwarz. Die meisten kamen in gelben Schulbussen, für die knapp 300 Kilometer von New Orleans nach Alexandria brauchten sie bis zu neun Stunden. Ob es besser läuft als im Superdome? "Kein Kommentar" , antwortet Keesling. Punkt 22 Uhr lässt er die Türen abschließen. Draußen laufen Polizisten Patrouille, während der Chef drinnen alle Lichter ausknipst, rigoros, wie beim Militär.

Alle leiden unter dem Trauma, dass die Zukunft von New Orleans drei Jahre nach "Katrina" schon wieder am seidenen Faden hängt. Diondra Reynaud vergleicht das Déjà-vu mit der Erinnerung an einen schlimmen Autounfall: "Schon wieder rast dieser Riesenlaster frontal auf dich zu, und du kannst nur versuchen, dich irgendwie vorbeizuschlängeln."

Sandra Stewart, eine stolze Rentnerin im Sonntagskleid, kehrte nach dem "Katrina" -Desaster heim und blieb, obwohl alles aufgeweicht war und sie von vorn anfangen musste. "Ich bin in New Orleans geboren und aufgewachsen" , sagt sie mit fester Stimme. "Born and raised in New Orleans" - bei ihr klingt es wie der Schlachtruf einer Baseballmannschaft. Ein paar Reporterfragen später fügt die pensionierte Krankenschwester leiser hinzu: "Wenn mein Haus ein zweites Mal kaputt ist, dann war's das, dann ziehe ich weg."

Mit wem man auch spricht, bei allen spürt man diese merkwürdige Mischung. Die Gefühle schwanken zwischen der Liebe zu "Big Easy" , dieser Jazzmetropole voller Charakter, und der Einsicht, dass es vielleicht doch unvernünftig ist, in einer Stadt zu leben, die unter dem Meeresspiegel liegt und immer öfter von verheerenden Stürmen heimgesucht wird.

Robert Bacon hat alles wieder aufgebaut, was "Katrina" zerstörte. Überschwemmt wurde sein Bungalow im Stadtviertel Terrytown seinerzeit nicht, doch ein umstürzender Baum zerschlug das Dach, sodass der Regen denselben Schaden anrichtete wie anderswo die Fluten. Bacon hat 17.000 Dollar ausgegeben, um sein Dach neu zu decken, sein Bad zu renovieren, neue Auslegware zu kaufen. Eine Versicherung hatte er damals nicht, und heute hat er immer noch keine. Er will sich die Prämien sparen. Einwände beantwortet der Mann, der 59 ist und aussieht wie 75, mit dem Hinweis auf den Allmächtigen: "Alles liegt in Gottes Hand." (Frank Herrmann aus Alexandria, DER STANDARD - Printausgabe, 2. September 2008)

  • Flucht in die Basketballhalle: Familie Reynaud muss sich dem strengen Regiment in der Notunterkunft unterwerfen.
    foto: standard/frank herrmann

    Flucht in die Basketballhalle: Familie Reynaud muss sich dem strengen Regiment in der Notunterkunft unterwerfen.

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