Bei guter Stimme

1. September 2008, 17:15
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Schulanfang: Das größte Kapital eines Lehrers ist eine ausdrucksstarke und kräftige Stimme, nicht jedem ist sie gegeben - Der Phoniater beurteilt die Sprechberuftauglichkeit

"Der Lehrer ist der Marathonläufer unter den Stimmberuflern", weiß Gerhard Friedrich, Leiter der klinischen Abteilung für Phoniatrie an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Medizinischen Universität in Graz, aus jahrelangen Beobachtungen zu berichten. 190 Schultage jährlich und eine durchschnittliche Lehrtätigkeit von dreißig Jahren geben dem Grazer Experten recht: Wer den Lehrberuf wählt muss gut bei Stimme sein.

40 Prozent mit Stimmauffälligkeit

Viele der Pauker sind es nicht, wie eine Leipziger Studie 2006 offenbarte:
40 Prozent aller deutschen Lehramtsanwärter besitzen bereits vor Ausübung ihres Berufes eine Stimmauffälligkeit. In Österreich sind die Zahlen ähnlich, mutmaßt Friedrich und verleiht seinem Wunsch nach einer Stimmtauglichkeitsuntersuchung für angehende Lehrkräfte hier Ausdruck. "Wer erst beim ersten Auftritt in einer Klasse erkennt, dass die Stimme innerhalb kürzester Zeit versagt, der hat ein Problem", weiß der Phoniater und musste in so manchem Fall schon von einer Fortsetzung der beruflichen Lehrtätigkeit abraten.

Einführung von Stimmtauglichkeitstests

Die Idee der Einführung von Stimmtauglichkeitstests scheint plausibel, dennoch wird sie wohl eher auf sich warten lassen. Die ausschlaggebenden Gründe sind dabei nicht nur finanzieller, sondern vor allem ideologischer Natur. Der uneingeschränkte Zugang zu Bildungseinrichtungen ist heute ein wichtiges Kriterium bei der Wahl zum eigenen Traumberuf. "Jeder muss machen können was er will, egal ob er dafür geeignet ist oder nicht", sagt Friedrich und klingt dabei nicht so ganz überzeugt.

Knötchen, Polypen oder Furchen an den Stimmlippen

Knötchen, Polypen oder Furchen an den Stimmlippen bringt die fachärztliche Untersuchung mit dem Laryngoskop manchmal an das Licht, die Operation unter Umständen die dauerhafte Lösung. Bei der Mehrheit stimmschwacher Lehrer findet sich nichts. Die Freude darüber ist trotzdem oft kurz, denn hinter der versagenden Stimme steckt meistens ein anlagebedingt schwaches Organ.

Mit logopädischem Training lässt sich dann die Leistungsfähigkeit der Stimme zwar erhöhen, jedoch ist auch bei korrekter Stimmtechnik der Erfolg nur begrenzt. "Eine zu schwache Konstitution lässt sich auch durch viel Übung nicht immer wettmachen", bedauert Friedrich und sein vorangehender Vergleich mit dem Marathonläufer drängt sich erneut auf.

Lautbildung funktioniert automatisch

Der HNO-Arzt wünscht sich ein größeres Stimmbewusstsein, zumindest für diejenigen die einen Sprechberuf anstreben. Nur dann erspart sich ein Neuling beim ersten Unterrichten vielleicht das böse Erwachen. Heiserkeit gilt als der Klassiker unter den Fehl- oder Überlastungserscheinungen, die wenigsten Lehrer klagen aber darüber. Primäres Problem im Klassenzimmer ist wie erwähnt die mangelnde Leistungsfähigkeit einer Stimme.

Im Normalfall bedarf das Stimmorgan beim Sprechen keiner besonderen Aufmerksamkeit. Lautbildung funktioniert ganz automatisch, ohne dass groß darüber nachgedacht werden muss. Einem leistungsschwachen Organ fällt das Produzieren von Stimme dagegen schwer. Stundenlanges Reden wird anstrengend.

Stimmhygiene für belastete Stimmen

Wer damit keine Probleme hat, darf sich glücklich schätzen. Gehegt und gepflegt werden will aber auch eine kräftige und gesunde Stimme, um den Anforderungen des Lehrberufes auf Dauer gewachsen zu sein. Friedrich spricht von Stimmhygiene und fordert konkret mehr Erholung für eine belastete Stimme. Wer den ganzen Tag unterrichtet, nachmittags vielleicht die eigenen Kinder betreut und abends in einem verrauchten und lauten Lokal sitzt und redet, der haushaltet mit seinen Stimmressourcen jedenfalls schlecht.

Respiratorische Infekte ernst nehmen

Mehr Beachtung verdienen auch Atmung und Haltung. In stehender Position beispielsweise fällt sprechen leichter, bedingt durch eine freiere Atmung und den damit verbundenen größeren Resonanzräumen. "Wer heiser ist, ist als Stimmberufler jedenfalls krank", ergänzt Friedrich abschließend und empfiehlt insbesondere Lehrern respiratorische Infekte ernst zu nehmen. (phr)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Lehrerin während einer Unterrichtseinheit an der Hauptschule in Groß Enzersdorf

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