Koalition der Halbschwestern

1. September 2008, 17:32
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Die Entscheidung ist da: Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier werden die Bayreuther Festspiele leiten - Wolfgang Wagners Töchter-Wunschlösung

Bayreuth - Es ist vollbracht: Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier treten die Nachfolge ihres Vaters Wolfgang Wagner in der Leitung der Bayreuther Festspiele an. Dafür hat sich der Stiftungsrat der Richard-Wagner-Festspiele ausgesprochen. Beworben hatte sich auch Nike Wagner (63), eine Tochter des 1966 gestorbenen Festspielleiters Wieland Wagner, zusammen mit dem international renommierten Kulturmanager und Intendanten Gérard Mortier.

Nike Wagner sprach in einer ersten Erklärung von einer "befremdlichen Prozedur". Sie sei traurig über den Ausgang des Verfahrens, habe aber auch die Hoffnung, "dass meine Cousinen die Anregungen von Gerard Mortier und mir aufgreifen. Ich wünsche ihnen dabei viel Erfolg". Der Familienstamm Wieland Wagners wollte sich nach Angaben des Wieland-Sohnes und Bruders von Nike, Wolf Siegfried Wagner, nicht an der Abstimmung beteiligen. Mit den beiden Urenkelinnen Richard Wagners sollen jetzt Vertragsverhandlungen aufgenommen werden.

Anders als noch bei ihrem Vater wird es keinen Vertrag auf Lebenszeit mehr geben. Gleichzeitig gehen die bisher von Wolfgang Wagner gehaltenen Gesellschafteranteile der Bayreuther Festspiele GmbH zu gleichen Teilen an den Stiftungsrat über, in dem unter anderem die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und ein privater Förderkreis vertreten sind.

Somit hat eine seit Jahren ungelöste Frage, wer Wolfgang Wagner beerben soll, nun eine Antwort gefunden. Wobei: Wolfgang Wagner stellte sie selbst, indem er das Nachfolgeverfahren vor Jahren eröffnet hatte. Mit dem Vorhaben, seine mittlerweile verstorbene Frau Gudrun quasi als Platzhalterin für Tochter Katharina zu installieren, war er aber gescheitert. Der Stiftungsrat hatte sich für Eva Wagner-Pasquier entschieden. Der Alte zürnte, nannte seine Tochter "unfähig" und beharrte plötzlich wieder auf seinem Vertrag auf Lebenszeit. Es kam zur Blockade.

Als er nun nach dem Tod seiner Frau Gudrun sah, dass Katharina als Alleinverantwortliche (damals noch zusammen mit dem Dirigenten Christian Thielmann und dem Ex-Intendanten der Salzburger Festspiele Peter Ruzicka) wohl nicht schnell durchzubringen sein würde, regte Wolfgang Wagner selbst die jetzige Lösung an und stellte seinen Rückzug in Aussicht, falls der Stiftungsrat seine beiden Töchter akzeptieren würde.

Damit allerdings wurde Nike Wagner (Tochter von Wolfgangs Bruder Wieland Wagner), die an sich zusammen mit Eva Wagner-Pasquier eine Bewerbung abgeben wollte, ausgebootet. Eva hatte ja nach kurzer Nachdenkpause die Seite gewechselt. Nike fühlte sich verraten. Sie gab aber nicht auf, und letzte Woche wurde es scheinbar noch einmal spannend.

Nike verkündete, sie würde sich für die Leitung der Festspiele bewerben, und zwar mit dem Pariser Opernintendanten Gerard Mortier. Und als auch noch Teile des Stiftungsrates meinten, man würde beide Konzepte prüfen und sich für das bessere entscheiden, kamen schon wieder Befürchtungen auf, Wagner würde es sich womöglich abermals überlegen. Und womöglich abermals auf seinen Vertrag auf Lebenszeit pochen. Schließlich galt als gesichert, dass er seine Rücktrittsankündigung nur gemacht hatte, da ihm vom Stiftungsrat signalisiert worden war, dass seine beiden Töchter das Erbe antreten könnten.

Zum Finale der diesjährigen Festspiele jedoch kam er auf die Bühne, saß auf einem thronartigen Stuhl und ließ sich zum Abschied feiern. Um ihn herum seine Töchter Eva und Katharina - eine fast sechs Jahrzehnte dauernde Ära ging somit tatsächlich zu Ende.

Am Wochenende startete Nike dann einen finalen Versuch. Sie kritisierte im Spiegel, dass vom Stiftungsrat Wolfgang Wagner offenbar schon etwas versprochen worden war. Und: Sie bot Eva Wagner-Pasquier noch einmal an, mit ihr in die Schlacht zu ziehen. Schließlich hatten sie ursprünglich gemeinsam ein Konzept erstellt. Eva jedoch lehnte ab: "Ich werde an meiner Bewerbung festhalten und freue mich auf die Herausforderungen gemeinsam mit Katharina." In der Welt am Sonntag konkretisierte sie: "Wir müssen das jetzt mit Anstand über die Bühne bringen. Andernfalls ist die Familie draußen. Irgendwann ist Schluss: Mehr machen die Politiker und die Freunde der Festspiele nicht mit. Und mit Recht, kann ich nur sagen."

Das "neue" Konzept

Die Urenkelinnen von Richard Wagner wollen die Festspiele behutsam reformieren, sie planen keine großen Änderungen oder gar revolutionäre Neuerungen. Ihr Ziel ist es, die künstlerische Qualität der Festspiele zu steigern (was, auf Sänger bezogen, zweifellos auch nötig wäre) und die mediale Vermittlung und Vermarktung voranzutreiben.

"Aufgabe einer neuen Festspiel-Leitung muss es sein, den legendären und vielzitierten ,Bayreuther Geist‘ zu bewahren und wieder neu zu stärken" , schrieben die Halbschwestern in ihrem Papier. Denn dieser Geist habe Schaden genommen - "durch manche Defizite in der künstlerischen Qualität sowie durch eine oft unzeitgemäße Medien- bzw. Pressepolitik".

Von der vieldiskutierten Aufnahme der Frühwerke in den Spielplan halten beide nicht viel: Allenfalls Aufführungen des Rienzi könnten "überlegenswert" sein; die Feen und das Liebesverbot zu zeigen sei dagegen nicht zweckmäßig. Auch sollen in der Stadt Bayreuth junge Regisseure Orte finden, an denen sie diese Werke inszenieren. Unrealistisch sei auch eine Verlängerung der Festspiele. Internetauftritt, Live-Übertragungen von Aufführungen auf öffentlichen Plätzen, im Fernsehen und in Kinos, TV-Aufzeichnungen, CD- und DVD-Auswertung sollen aber forciert werden. Geplant ist ferner eine "Festspielakademie Bayreuth" für die künstlerische Ausbildung in Gesang, Regie, Bühnenbild.

Wie es weitergehen soll, das kann man den Richard nicht mehr fragen. "Schafft Neues!", hatte er einst gemeint. Allerdings hat er mit Bayreuth ein so erfolgreiches wie enges System geschaffen, das fundamental zu verändern weder leicht noch sinnvoll scheint. Bayreuth hat in den letzten Jahren an Musikniveau eingebüßt. Da wäre schon die erste Aufgabe. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 02.09.2008)

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    Schließlich haben sie sich doch durchgesetzt: Eva Wagner-Pasquier (re.) soll in Bayreuth Organisatorisches erledigen, Katharina Wagner (li.) wird inszenieren und die Festspiele nach außen hin repräsentieren.

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    Das war's: Nike Wagner hat den Bayreuth-Kampf verloren.

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    Gerard Mortier kann beruhigt nach New York ziehen.

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