Medizin-Uni Wien im Kampf gegen Plagiate

1. September 2008, 15:59
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Nach umstrittener Mobilfunk-Studie: Rektor Schütz für neue Kultur, wissenschaftliches Fehlverhalten zu vermeiden und "nicht nur" zu reparieren

Wien - Auf den korrekten Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten hat der Rektor der Medizinischen Universität Wien (MUW), Wolfgang Schütz, im Rahmen einer Pressekonferenz gepocht: Die Einrichtung einer übergeordneten Agentur für wissenschaftliche Integrität in Österreich nach Vorbild der US-Institution "ORI" ("Office of Research Integrity") sei in diesem Zusammenhang zu begrüßen. Ein derartiges Kontrollorgan bereitet derzeit der Wissenschaftsfonds FWF im Auftrag des Wissenschaftsministeriums vor. Der Start ist für Herbst geplant.

Umstrittene Mobilfunkstudien

Die MUW war in jüngster Zeit selbst mit umstrittenen Mobilfunkstudien in die internationalen Schlagzeilen geraten. Eine Untersuchung hatte letztendlich dazu geführt, dass Hugo Rüdiger, ehemaliger Leiter der klinischen Abteilung für Arbeitsmedizin der Universität Wien und seit 2007 emeritiert, eine Veröffentlichung zurückzog.

Wissenschaftliches Fehlverhalten "ist ein internationales, nicht zu begrüßendes Phänomen", so Schütz. Eine übergeordnete Kontrolleinrichtung habe neben der Überprüfung entsprechender Fälle eine weitere wichtige Funktion: "Sie ist eine repräsentative behördliche Respektsperson, die national und international geachtet wird." Zudem würde eine solche Agentur den Universitäten die Aufklärungsarbeit erleichtern. Sie habe aber nur Sinn, "wenn dezidiert hingewiesen wird, welche Einrichtungen beitreten." Dann müssten sich diese verpflichten, "alle Fälle zu melden".

Mentoren für Forschernachwuchs

"Wir müssen auf eine Kultur hinarbeiten, dass wissenschaftliches Fehlverhalten nicht nur repariert, sondern gleich verhindert wird", so der MUW-Rektor. In diesem Zusammenhang habe die US-Einrichtung "ORI" u.a. empfohlen, ein funktionierendes "Reporting-System" für jene einzurichten, die Fehlverhalten melden. Auch ihr Schutz müsse gewährleistet werden. Zudem müsse über Mentoren auch der Forschernachwuchs zu korrektem Arbeiten angehalten werden. "Das sind Ziele, die auch wir uns gesteckt haben", so Schütz. Es sei von großer Bedeutung, dass die Leiter von Instituten und Einrichtungen Vorbilder in ethischem Verhalten sind.

Fehlverhalten bei jüngeren Wissenschaftern

Die Häufigkeit von Datenerfindung, Fälschung oder Plagiarismus liegt im Bereich 1,5 bis drei Prozent, verwies Schütz auf vom "ORI" erhobene Zahlen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten. Dabei trete das Phänomen vor allem im "Post-Doc-Bereich", also bei jüngeren Wissenschaftern auf. Das zeige, dass auch der Karrieredruck als Motivation gilt, sich auf Fehlverhalten einzulassen. Der US-Untersuchung zufolge sei einer von zwei Studenten gewillt, Daten zu manipulieren

Rat untersucht Studien über Handy-Strahlen

Mit der Aufklärung des Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhaltens an der MUW rund um die Studien zur Gen-schädigenden Wirkung von Handy-Strahlen wurde intern der seit 2004 an der Medizin-Uni bestehende, dreiköpfige "Rat für Ethik in der Wissenschaft", ein Beratungsgremium des Rektorats, beauftragt. Dieser hatte "zahlreiche Indizien", die auf "Datenfabrikation" hinweisen, festgestellt. Eine Autorin der Arbeit, welche die wissenschaftlichen Experimente durchführte, hat ihr Fehlverhalten zugegeben und ihr Dienstverhältnis zur MUW gekündigt. Der damalige Abteilungsleiter Hugo Rüdiger hat mittlerweile auch eine der zwei umstrittenen Studie aus dem Jahr 2008 zurückgezogen.

Die nächste Aufgabe des Rats für Wissenschaftsethik ist laut Mitglied Klaus Lechner in diesem Zusammenhang, sämtliche weitere Publikationen, an welcher dieselbe Autorin unter Anwendung derselben Versuchsordnung beteiligt war, zu erheben und daraufhin den zuständigen Herausgebern das Zurückziehen dieser Publikation zu empfehlen. Eine rasche Retraktion von gefälschten Arbeiten sei wichtig, "dass die wissenschaftliche Welt weiß, was passiert ist", so MUW-Rektor Schütz. (APA)

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