webfreetv.com plant Kapitalschnitt

1. September 2008, 14:35
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Bei der Wiener Internet-Videofirma steht ein Kapitalschnitt mit anschließender Kapitalerhöhung ins Haus. Zur Deckung von Bilanzverlusten soll das Grundkapital halbiert werden

Wien - Bei der börsenotierten Wiener Internet-Videofirma webfreetv.com steht ein Kapitalschnitt mit anschließender Kapitalerhöhung ins Haus. Auf der für 19. September anberaumten Hauptversammlung soll die Halbierung des Grundkapitals von 6,08 auf 3,04 Mio. Euro beschlossen werden, um einen sonst auszuweisenden Bilanzverlust zu decken, heißt es im Amtsblatt der "Wiener Zeitung" vom Wochenende. Es sollen je zwei Stückaktien zu einer Stückaktie zusammengelegt werden.

Im Gegenzug soll eine Erhöhung des auf 3,04 herabgesetzten Grundkapitals gegen sofort voll einzuzahlende Bareinlagen um bis zu 1,5 Mio. auf bis zu 4,54 Mio. Euro beschlossen werden - durch Ausgabe von bis zu 1,5 Millionen Stückaktien zum Ausgabepreis von je 1 Euro. Das Bezugsrecht der Aktionäre werde dabei ausgeschlossen.

Liquiditätsengpässe bei dem Internet-Unternehmen haben den zuständigen Wirtschaftsprüfer bereits Alarm schlagen lassen. Wie berichtet, regte der Prüfer in der Bilanz für das Rumpfgeschäftsjahr März bis Dezember 2007 dringend die Zufuhr von Eigenkapital an, "um Wachstum zu ermöglichen und den Fortbestand des Unternehmens zu gewährleisten", hieß es in einer Unternehmensmitteilung im Juni.

Positives Eigenkapital, aber zu wenig

Zwar weise die webfreetv.com Multimedia Dienstleistungs AG mit 224.000 Euro erstmals seit Jahren ein positives Eigenkapital aus, doch das reiche nicht aus. Die Geschäftsentwicklung verlaufe positiv, allerdings existiere de facto noch kein Vertriebsapparat, der schnelles Wachstum ermöglichen würde. "Es bringen uns die besten Showcases und Projekte nichts, wenn wir nicht mit Kapital ausgestattet werden um einen funktionierenden Vertrieb aufzubauen. Wenn uns das nicht gelingt, dann wird es schwierig", ließ CEO Rudolf Fußi, bekannt als Initiator des Abfangjäger-Volksbegehrens, im Sommer wissen. Gleichzeitig wurde die Suche nach einem Investor bekanntgegeben.

Die webfreetv.com hatte 2007 ihr Geschäftsjahr auf das Kalenderjahr umgestellt und Ende Juni die Bilanz für das Rumpfjahr (März bis Dezember 2007) veröffentlicht. Der Umsatz erhöhte sich in den zehn Monaten von März bis Dezember auf 944.000 Euro, nach 286.000 Euro im Gesamtjahr 2006. Der Betriebserfolg betrug 185.000 Euro, der Jahresgewinn verbesserte sich auf 260.000 Euro - der Bilanzverlust verringerte sich im Rumpfjahr auf 5,856 Mio. Euro (2006: 6,116 Mio. Euro).

Die webfreetv-Aktie notierte zuletzt (28. August) bei 0,51 Euro (+2 Prozent). Das Unternehmen ist schon einmal um 2 Cent je Aktie gehandelt worden. An die Börse gekommen war die Aktie im Jahr 2000 für 91 Euro.

Sanierungs- und Wachstumspaket

Der Internetdienstleister will außerdem bei der kommenden Hauptversammlung ein umfassendes Sanierungs- und Wachstumspaket schnüren. Die dafür notwendigen Investoren seien bereits gefunden worden - ein Konsortium unter der Führung der Athena Burgenland Beteiligungen AG beteiligt sich, teilte das Unternehmen heute, Montag, ad hoc mit. Der Einstieg der Geldgeber soll auf der kommenden Hauptversammlung abgesegnet werden. Die drohende Insolvenz wird dadurch abgewendet. Der Firmensitz soll nach Eisenstadt verlegt werden.

"Wir haben mit mehreren Gruppen verhandelt. Mit dem Konsortium unter der Athena und den Firmen, die dahinterstehen, bekommen wir gute Chancen, in Deutschland Fuß zu fassen", sagte Unternehmenschef Rudolf Fußi, heute, Montag. Mit dem Kapital von 1,5 Mio. Euro sei die Expansion für die nächsten zwei Jahre finanziert. Die verwässerte Beteiligung der Altaktionäre sei auch mit einem lachenden Auge zu sehen: die Firma habe nun eine Überlebenschance.

Die Wachstumsstrategie umfasst laut Fußi zwei Themen - zum einen die Steigerung von Umsatz und Gewinn, zum anderen die Ausweitung der Marktanteile in Österreich und den Einstieg in Deutschland. "Wir wollen die webfreetv.com in den nächsten drei Jahren in eine Position bringen, die sie für eine Übernahme durch europäische oder amerikanische Medien- oder Verlagshäuser interessant macht", kündigte der CEO an.

"Evergreen"

Die Athena Burgenland Beteiligungen AG ist den Angaben zufolge ein regionaler Private Equity Fonds mit einer institutionellen Investorenbasis, der sich an wachstumsorientierten Unternehmen beteiligt. Der Fonds werde von der IPO Burgenland Beteiligungen AG gemanaged und sei "als Evergreen konzipiert", wodurch man als stabiler Eigentümer eine langfristige Wachstumsstrategie unterstützen könne.

"Das Team der webfreetv kann auf eine beeindruckende Historie als Pionier im Bereich IPTV und neue Kommunikationsformen verweisen. Wir sind überzeugt mit dem neuen Setup bestens gerüstet zu sein, um auf einem stark wachsenden Markt reüssieren zu können", ließen Vorstandschef bzw. Vorstand der IPO Burgenland, Klaus Stinakovits und Georg Schönbauer, wissen.

Der Finanzinvestor connexio alternative investment holding AG, ebenfalls in dem Konsortium, sei eine österreichische Holdinggesellschaft, die selber Beteiligungen eingehe, um diese zu entwickeln, oder im Rahmen von Konsortien federführend tätig werde. Im Fokus stünden kleine und mittlere Wachstums- und Technologieunternehmen (IKT/Medien) sowie schwerpunktmäßig Unternehmen in der Expansionsphase.

Für die Produkte und Dienstleistungen von webfreetv.com werde aufgrund der umfassenden Expertise und der Breite der Dienstleistungen eine steigende Nachfrage gesehen. Vor allem Deutschland wird als sehr interessanter Markt betrachtet, der die expansive Entwicklung von webfreetv weiter unterstützen soll.

Erwartungsgemäß positiv fällt die Stellungnahme des Vorstandes aus. "Wir schließen mit diesem Schritt endgültig die Sanierung ab, wir bekommen das erste Mal in der Geschichte die Möglichkeit von der Defensive in die Offensive zu gehen, so der Vorstand. Das vorgelegte Paket sei ohne Alternative - die Alternative laute Insolvenz. Diese könne nicht angestrebt werden, daher sei der angekündigte Schritt von allen mitzutragen, um das Unternehmen nicht nur zu retten, sondern es auch mit genügend Eigenkapital für stabiles Wachstum auszustatten, hieß es. (APA)

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